Verschlafene Traumstraßen

An der SS345 delle Tre Valli

An der SS345 delle Tre Valli

Passo Crocedomini, Giogo del Maniva, Passo Dasdana – wohl den wenigsten radelnden Serpentinensammlern dürften diese Namen geläufig sein. Was schade ist, denn diese und einige andere Übergänge in der Tre-Valli-Region zwischen Adamello-Gebirge und Gardasee lassen sich zu einer wunderschönen kleinen Rennrad-Tour kombinieren (sofern man seinen dünnen Reifen ein bisschen Schotter zumuten mag – bei angepasster Fahrweise ist das allerdings kein Problem), die sehr unterschiedliche, durchweg sehenswerte Landschaften erschließt und spektakuläre Blicke in die umliegenden Höhenzüge erlaubt, wobei sie auf weiten Teilen angenehm verkehrsarm bleibt.
Weiterlesen

Big Brother ans Steuer?

Man las in den zurückliegenden Wochen viel über selbststeuernde Autos; insbesondere was aus dem kalifornischen Google-Umfeld zu vernehmen ist, lässt vermuten, dass diese spektakuläre Technik kurz vor der Serienreife steht. Solche Autos, die sich über permanente präzise Lokalisierung, Funk-Datenverbindungen und vielerlei Sensoren ohne Zutun des Fahrers auf den Straßen orientieren, versprechen geradezu Sensationelles: flüssigeren Verkehr ohne Staus, signifikant reduzierten Spritverbrauch und CO2-Ausstoß, drastisch verringerte Unfallzahlen und entsprechend weniger Todesopfer. Toll, was?

Ich erlaube mir dennoch, skeptisch zu sein.

Und zwar nicht, weil ich dazu neige, die vermeintliche Freiheit des Autofahrens zu glorifizieren – wer mich kennt, weiß, dass eher das Gegenteil zutrifft. Der Straßenverkehr könnte für meinen Geschmack sehr viel restriktiver reguliert und rigider kontrolliert werden, als das zurzeit passiert; und was mich selbst betrifft, so freue ich mich jetzt schon darauf, auch auf dem Dorf keinen privaten PKW mehr zu brauchen, wenn erst die Lütten aus dem Haus sind.

Der entscheidende Punkt, der Roboter-Autos à la Google-Car für mich inakzeptabel macht, liegt vielmehr darin, dass so ein Vollauto-Mobil zwangsläufig massenhaft Daten sammelt und austauscht, und das können durchaus personalisierbare Daten sein (so ein Google-Car weiß schließlich, wer gerade an Bord ist – erst dann wird das alles richtig komfortabel). Und wo Daten gesammelt werden, ist der Missbrauch nicht weit. Das Stichwort „anlasslose Überwachung“ kennen wir alle aus etlichen Diskussionen der letzten Jahre, und warum sollte, was an der Vorratsdatenspeicherung strikt abzulehnen ist, im Straßenverkehr plötzlich erlaubt sein? Warum soll ich ein Auto mitschneiden lassen, wer gerade drin sitzt, wohin man unterwegs ist, welche Musik läuft usw., ohne dass ich eine Ahnung habe, wer auf diese Daten zugreifen kann? Wer auch immer die Idee des Roboter-Autos attraktiv findet, möge mal überlegen, ob er das damals, gerade 18, mit der Flamme auf dem dunklen Waldparkplatz so richtig dufte gefunden hätte …

Und es ist ja nicht so, dass sich ein Großteil der oben genannten Vorteile nicht auch ohne vollständige Transparenz von Fahrzeug und Insassen erreichen ließe:
* Schon heute wäre es etwa ohne weiteres möglich, die Innenstädte von Hamburg und diversen anderen Metropolen für den motorisierten Individualverkehr zu sperren, und innerhalb weniger Jahre sollte das, guten Willen vorausgesetzt, in allen größeren deutschen Städten und Ballungsräumen die Norm sein können.
* Sinnvolle Geschwindigkeitsbegrenzungen (in Wohngebieten z.B. Schritttempo) können flächendeckend eingeführt und deren Einhaltung systematisch überwacht werden. Überwacht, wohl gemerkt, auf heutigem Stand, minus der schäbigen Realität automatisierter Kennzeichen-Erfassung: Erst sobald der Fahrzeugführer sich etwas zuschulden kommen lässt, werden sein Untersatz und er identifiziert.
* Ebenfalls ohne persönlich identifizierende Daten-Agglomerationen müsste es relativ kurzfristig möglich sein, Kraftfahrzeuge so auszurüsten, dass sie auf Autobahnen und mehrspurigen Straßen automatisch ein günstiges Tempo sowie sicheren Abstand zum Vordermann halten.
* Dazu noch ausreichende Investitionen in den ÖP(N)V, Verlagerung und teilweise Automatisierung des Gütertransports, und das Leben auf den Straßen wäre deutlich sicherer und in den Innenstädten wieder lebenswerter.

Das bisschen Extra-Sicherheit, das sich zusätzlich erreichen ließe, indem man die Knatterkiste jeglicher Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeit beraubte, steht meines Erachtens in keinem gesunden Verhältnis mehr zu den Risiken dieser anlasslosen Überwachung. Wer dennoch darauf besteht, sollte vielleicht auch seinen Kindern einen Tracking-Chip unter die Haut pflanzen – ist schließlich auch ein Sicherheitsgewinn, wenn man ständig weiß, wo sie sind.

Gelesen: „Die Welt des Ryszard Kapuściński: Ausgewählte Geschichten und Reportagen“

Es war wohl erst um die Jahrtausendwende, als ich dem Werk des polnischen Reiseschriftstellers zum ersten Mal begegnet bin – ziemlich sicher in einem seiner in Beiträge für Lettre International. Kapuściński war Zeuge von Wendepunkten der Weltgeschichte auf mehreren Kontinenten und schrieb nicht nur großartige Reportagen (die mir leider nicht im Original zugänglich sind, aber die Übersetzungen von Martin Pollack empfinde ich als sehr gut lesbar), sondern hinterfragte in klugen Texten immer wieder auch seine eigene Arbeit zwischen Journalismus und Literatur.

Die von Ilija Trojanow getroffene Auswahl dieses Bandes gibt lediglich erste Einblicke, die zwangsläufig oft fragmentarisch bleiben. Aber die Texte machen große Lust, in Kapuścińskis umfangreichem Œuvre weiterzulesen, und damit haben sie wohl ihren Zweck erfüllt. Einziger Wermutstropfen: Das Buch hätte einen kompetenteren Führer durch die Mienenfelder (sic!) der Rechtschreibung verdient – dafür war allzu offensichtlich nur der Praktikant im Korrektorazbüro Quickndirty zuständig …

Gelesen: Isabel Bogdan, „Sachen machen“

Man rutscht ja allgemein viel zu wenig.

Bei Isabel Bogdan scheint der Tag ein paar Stunden mehr zu haben als üblich: Sie übersetzt nicht nur ziemlich fleißig (eins ihrer Werke habe ich bereits gelesen) und pflegt tolle Projekte im Internet, sondern macht auch noch Sachen. Floating, Rhönrad, Indoor-Spielplatz, Esoterik-Messe – vor nichts schreckt sie zurück, alles wird ausprobiert. Ihren Beschreibungen zufolge macht ihr das manchmal mehr Spaß, manchmal weniger – aber für den Leser ist es alles gleichermaßen vergnüglich.

Doch noch gelesen: „Die Philosophie des Radfahrens“

Ich habe dann absichtlich ein bisschen Abstand gehalten und noch ein bisschen was anderes an Lektüre zwischengeschoben (dazu später mehr), aber als ich es heute zuklappte, kam ich doch nicht umhin zu konstatieren: Ich seh das ganz ähnlich wie Peter. Es waren ein paar lesenswerte Texte drin, auch ein bisschen was, das ich noch nicht wusste, aber mehrheitlich blieb es doch eher an der Oberfläche.

Vermutlich hinterlässt es aber einen günstigeren Eindruck bei Lesern, für die es das erste Buch zu diesem Themenkomplex ist: Für diese Zielgruppe wäre es eine durchaus vielseitige Zusammenstellung in überschaubarer Länge. Ethische, politische, technische, soziale Aspekte des Radfahrens – alles wird zumindest so weit angerissen, dass man als interessierter Neuling hinterher eine Idee hat, in welche Richtung man weiterlesen könnte.

Travemünde, Sommerabend

Nostalgie

Als kleinen Trost für die Abwesenheit anständiger Landschaft erlaubt es das Hamburger Umland immerhin, noch den einen oder anderen Ort an der Ostseeküste zu erreichen, wenn man das Büro nachmittags etwas früher zuklappt und sich aufs Rad schwingt. Fühlt sich immer gleich ein bisschen wie Urlaub an, mal einen Teil des Tages aufs Wasser zu gucken statt auf den Bildschirm.

Regatta gucken

Dieses Mal war es nicht ganz so entspannend: Den kräftigen auflandigen Wind, der während der zurückliegenden Tage an der Ostsee für hohe Wellen, Unterströmung und Badeverbote sorgte, konnte man schon an den „falschrum“ vor unserer Küchentür vorbeiziehenden Wolken erkennen. Und anschließend daran, dass ich für etwas über 100 km nach Travemünde (nicht auf der kürzesten, aber via Ratzeburger See auf der wohl schönsten Strecke) eine ganze Stunde länger gebraucht habe als sonst. Aber zumindest bin ich noch bei Tageslicht angekommen. Und vermutlich wegen der gelben bis roten Badefähnchen war trotz Travemünder Woche auch ziemlich wenig los.

Promenade

Wolken

Außer abends, beim Freiluftkonzert von Pohlmann:

Pohlmann

Was ja an Travemünde besonders charmant ist: Einerseits hat man schon den Eindruck von Weite, aber andererseits ist man immer noch ganz dicht dran an den großen Pötten, die von und nach Skandinavien unterwegs sind. Man muss vom selben Standpunkt immer nur ein klein wenig in die andere Richtung gucken und vielleicht etwas ranzoomen.

Strandkörbe

Nah an der Fahrrinne

Oh, und Wald gibt es auch. Der ist sogar besonders schön ab dem Nachmittag, wenn die Sonne dahinter zu verschwinden beginnt:

Wald Richtung Brodten

Nur ein paar Dreitausender am Horizont, der eine oder andere Gletscher, Serpentinen: Da kann man in Travemünde hingucken, wo man will – immer Fehlanzeige.

Letzter Schimmer

Neues aus dem Sommerloch (Update)

Diesmal nicht zum Thema Radhelm, aber ungefähr ebenso traurig …
In der Straßenverkehrsordnung heißt es in §29 (2):

Veranstaltungen, für die Straßen mehr als verkehrsüblich in Anspruch genommen werden, bedürfen der Erlaubnis.

Wie ich heute der ADFC-Mailingliste entnehme, legt die Landesregierung in Schleswig-Holstein diesen Paragrafen so aus, dass (Zitat aus der Mitteilung des ADFC-Landesverbands)

für ganz oder teilweise über Landes- und Bundesstraßen geführte Fahrradtouren unabhängig von der Teilnehmerzahl vorab eine gebührenpflichtige Erlaubnis (Kosten jeweils ca. Euro. 50,00) beantragt werden muss. Der Tourenverlauf ist detailliert anzugeben und ebenfalls die erwartete Teilnehmerzahl. Die Erlaubnis erteilt die Verkehrsaufsicht des Kreises, in der Regel unter Auflagen. Nicht auf diese Art angemeldete Touren stellen eine Ordnungswidrigkeit dar, ebenso ein Abweichen von der bestätigten Route. Touren, deren Route aufgrund der Witterungsbedingungen erst beim Start festgelegt wird, sind damit nicht mehr möglich.

Der ADFC-SH rät daher den Ortsgruppen, alle Radtouren bis auf weiteres abzusagen.
Was für ein Kasperltheater!

Update, 24. Juli: Mittlerweile haben sich diverse Landes- und Kreisbehörden einschließlich des Verkehrsministeriums dazu geäußert. Tenor: viel Rauch, wenig Feuer. Genehmigungspflichtig werde es nur bei Teilnehmerzahlen jenseits der 100 bzw. bei solchen Touren, die über weite Strecken über Bundes- und Landesstraßen führen. Schön, dass wir mal drüber gesprochen (und en passant etwas Rechtssicherheit für Tourenleiter) hergestellt haben – aber ob sich der ADFC-LV mit diesem Großalarm einen Gefallen getan hat?

Brot

Echt ist, was dem Zufall Raum lässt

Neulich kam mir mit der morgendlichen Nachrichtenlektüre ein interessanter Artikel von Dirk von Gehlen ins Haus, Echter Rauch ist besser als doofes Internet. Na ja, ein bisschen Recht hat er da schon, dachte ich mir, aber eigentlich bin ich wohl auch einer von diesen Blödis, die „im Digitalen etwas Unwahres, Unschönes, Unechtes“ erkennen. Das war erst mal alles, bis abends Benjamin Birkenhake schön differenziert drauf reagierte. Und die Diskussion, die sich unter Bens Artikel entspann (nicht bei DvG; auch ich gehöre aus Überzeugung zu den Disqus-Muffeln), gab mir dann den Anstoß, mal darüber nachzudenken, warum das eigentlich so ist, dass ich dem Digitalen keine Gleichberechtigung am Ausgabestand für die Echtheitszertifikate zubillige.

Und ich glaube, das lässt sich an einem einfachen Beispiel festmachen (Achtung, déformation professionelle, es geht mal wieder um Bücher):

Ich vergesse also im Dachkämmerchen ein Buch. Und wie der Zufall so spielt, bleibt es da liegen – jahre-, jahrzehntelang. Irgendwann 2039 fällt es dem übernächsten Mieter in die Hände. Was passiert? Er setzt sich hin, schlägt es auf, nach drei, vier Seiten ist er vollends gefangen, und nachdem er es fünf Stunden später zugeklappt hat, kehrt er nur äußerst widerwillig in die Realität zurück – denn wie man es von einem guten Buch erwarten darf, hat es seine Gedankenwelt großflächig umgegraben.

(rewind)

Ich vergesse also im Dachkämmerchen einen E-Reader. Und wie der Zufall so spielt … nun, ihr werdet euch denken, worauf ich hinaus will:

Das gedruckte Buch wartet, nach all den Jahren, nur darauf, entstaubt und aufgeblättert zu werden, die einzige Zugangsbarriere ist die Frage, ob der Finder der in diesem Buch verwendeten Sprache mächtig ist. Demgegenüber ist der Zufallsfund eines digitalen Trägermediums (oder Medienträgers) mit mindestens 25 Jahren auf dem Buckel je nach Interessenlage entweder ein Fall für professionelle Datenrettungsfirmen – oder für den Sperrmüll. Denn die hier gespeicherten Informationen sind nicht über einen längeren Zeitraum hinweg niederschwellig bis voraussetzungsfrei zugänglich, sondern es bedarf einer ausgefeilten, konsequent durchgeplanten und -geführten Strategie, um den Zugang über mehrere Jahre, gar Jahrzehnte hinweg zu ermöglichen.

Das aber ist unmenschlich.

Insofern, als es der menschlichen Daseinsrealität elementar zuwiderläuft, sich auf die Geschehnisse der nächsten Jahre und Jahrzehnte bereits vorab festzulegen. Das Leben ist bestimmt von Unwägbarkeiten, von Zufällen. Digitalia hingegen sind nicht für den Zufall gemacht; sie dauerhaft zu nutzen setzt Backup-Pläne, regelmäßig aufgefrischte Akkus, die permanente Verfügbarkeit von Lizenzservern und/oder (je nach Datei-Typus) noch die Erfüllung einer Menge anderer Pflichten voraus. Das Digitale ist, und zwar manchmal ganz prima, geeignet für das Hier und Jetzt; und dabei erwartet es zwingend, dass sein Benutzer es hegt und pflegt.

Etwas über ein Vierteljahrhundert hinweg vergessen zu können, und anschließend ist es genauso präsent wie eh und je, das ist dem Digitalen nicht gegeben. Aber es ist menschlich. Echt.