Gelesen: danah boyd, „It’s Complicated“

Social Media strahlt auf mich ja nur knapp die Attraktivität eines schimmlig-feuchten Flecks an der Kellerwand aus [1] – mit dem zusätzlichen Nachteil, dass sich dieser Internet-Quatsch meines Wissens nicht ausbuddeln und trockenlegen lässt. Aber natürlich übt er auf die nächste Generation erhebliche Anziehungskraft aus, weshalb es nicht schaden kann, sich auch mal aus der Perspektive Heranwachsender mit sozialen Netzwerken zu beschäftigen.

Genau das hat danah boyd getan, und zwar außerordentlich gründlich. Über mehrere Jahre hinweg hat sie Interviews mit US-amerikanischen Jugendlichen geführt und sich deren Nutzung von Facebook, Myspace, Twitter und Co. erklären lassen: Mit wem sind sie dort in Kontakt? Wann, wo und wie intensiv nutzen sie die Netzwerke, wie verhalten sie sich gegenüber Familienmitgliedern, was teilen sie mit wem und warum? Wie gehen sie mit Datenschutzproblemen um, haben sie das Bedürfnis, ihre Privatsphäre zu schützen? …

Das Ganze ist keineswegs eine trockene Angelegenheit, sondern liest sich ausgesprochen flott runter (obwohl ich den Fehler gemacht habe, die elektronische Version zu schmökern, und immer wieder schmerzlich gemerkt habe, wie häufig ich bei Sachbüchern mal eben zwanzig Seiten zurück- und wieder vorblättere – dafür sind E-Books einfach nicht gemacht). Und am Ende steht die Erkenntnis, dass Social Media für heutige Heranwachsende im Prinzip nichts anderes ist als für uns damals der Bolzplatz hinter der Schule: ein Ort, an dem man seine Freunde trifft, ein bisschen ablästert, grundlegende Mechanismen des Zusammenlebens trainiert – nur eben in virtuellen Weiten, weil es ja heute vielerorts zu gefährlich ist, Jugendliche nachmittags noch mal allein losziehen zu lassen … manches ist in den USA sicherlich anders ausgeprägt als bei uns, aber die wesentlichen Aspekte dürften übertragbar sein.

Ebenfalls klar wird bei der Lektüre, dass heutige Jugendliche keinesfalls per se die digital natives sind, als die wir sie gern sehen. Nur weil sie oftmals deutlich souveräner mit ihren internetfähigen Gerätchen umgehen als wir Leute aus dem vorigen Jahrhundert, heißt das eben nicht, dass sie deshalb auch alle sozialen Aspekte des Netzlebens ohne erzieherischen Beistand zu meistern in der Lage wären. Wir sind also (so nervig ich das in bestimmten technischen Details finde) nach wie vor gefragt, uns mit der Welt unserer Teenies zu beschäftigen und ihnen auch bei ihren Exkursionen ins Internet die geeignete, stets neu zu erarbeitende Balance zwischen Freiraum und elterlicher Aufsicht angedeihen zu lassen. Puh – wie es der Titel schon sagt …

Nachtrag: Kleinschreibung des Eigennamens an die Gepflogenheiten der Autorin angepasst

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[1] und zwar mit jedem neuen Versuch meinerseits mehr. Ist ja nicht so, dass ich den diversen Plattformen nicht immer wieder mal eine Chance geben würde (mal ein paar Wochen lang, manchmal auch über mehrere Monate oder gar Jahre), aber sie enttäuschen mich stets aufs Neue. Falls sich aktuell jemand wundert: Mein Xing-Profil ist jetzt auch wieder gelöscht – diese Sorte vorgeblich der Vernetzung dienender Geschäftemacherei ist einfach nicht mein Stil.

Kein hochschwangerer Kranich

Laufvogel bei Utecht

Wenn man zwischen Ratzeburger und Schaalsee auf große graue Vögel trifft, handelt es sich zumeist um Angehörige der Gattung Art Grus grus. Dies hier ist allerdings ziemlich eindeutig ein Rhea americana, besser bekannt als Nandu. Ich musste das nachschlagen, weil ich es zuerst nicht glauben konnte, aber die Viecher sind hier tatsächlich, na ja, heimisch. Und wenn man weiß, dass sie ursprünglich aus dem südamerikanischen Grasland kommen, macht es gleich doppelt Spaß, über die Mecklenburger Pampa zu kalauern.

Lausiges Foto übrigens, ja: Extremer Ausschnitt, und ich hatte nur die Kompaktknipse mit, mehr passte nicht in die Lenkertasche. Wobei mir einfällt: Lenkertasche? Das wäre doch mal eine schöne Fortsetzung

Passt, sitzt, wackelt

Lange genug hat es gedauert, aber mittlerweile sind an den meisten Mobiltelefonen und Tablets einheitliche Ladebuchsen in Micro-USB-Form verbaut. Somit lassen sich Ladegeräte und Datenkabel beliebig untereinander tauschen, und alles funktioniert.

Theoretisch.

Praktisch sind in diesem Haushalt zurzeit vier Geräte mit Micro-USB-Buchsen im Einsatz, dazu insgesamt rund zehn Kabel mit entsprechendem Stecker (alle festen Netzteile, Autoladegeräte, E-Werk fürs Fahrrad etc. eingerechnet). Und bisher ist es uns trotz aller Bemühungen noch nicht gelungen, Kabel-Geräte-Kombinationen auszutüfteln, mit denen alle jeweiligen Funktionen zuverlässig gewährleistet sind:

Da gibt es Datenkabel, mit denen man beim Anschluss des Handys an den Rechner zwar den Akku aufladen kann, aber um die Massenspeicher-Funktion zu verwenden, muss es dann doch die nächste Strippe sein. Dasselbe Kabel wiederum lädt am USB-Steckernetzteil nur nach mehrfachem Ein- und Ausstöpseln, und all das nicht einmal reproduzierbar mit immer denselben Geräten, sondern mal harmoniert dies nur mit jenem, morgen wieder das mit dem und manchmal auch umgekehrt. Und dann schließlich gibt es Tage, an denen sich auch mal eines der Geräte überhaupt nicht aufladen lässt, um am nächsten Tag anstandslos gleich mit dem ersten Kabel zu kooperieren.

Und das ist offensichtlich kein Problem irgendwelcher Wasseradern hier unterm Haus, sondern die Foren quellen über von Berichten über unzuverlässige USB-Verbindungen. Das ist doch Mist: Was hilft mir ein Standard, der dann nichts taugt? So wenig ich sonst von diesem iOS-Kram halte – in puncto Zuverlässigkeit der Steckverbindung könnte sich die sonstige Industrie dort mal was abgucken. Aber darf wohl alles nix kosten – wenn so eine Stecker-Buchse-Kombination in der Herstellung siebzehn Cent teurer wird, läuft das gleich auf ein Wertschöpfungskettensägenmassaker hinaus …

Vertrauensfrage

Zutiefst unüberraschend schimpften am lautesten über das gestrige erfreulich deutliche Urteil des EuGH zur Vorratsdatenspeicherung diejenigen lupenreinen Demokraten, denen es grundsätzlich ein Dorn im Auge ist, wenn sich die Judikative anmaßt, sich primär anderen Werten als irgendeiner Parteiräson verpflichtet zu fühlen. Bis hierhin business as usual; als verstörender empfinde ich die Rolle, die Teile der Polizei in dieser Angelegenheit spielen.

Nun ist die Polizei eine Institution, für deren Wirken im Lokalen ich erheblichen Respekt empfinde und gern auch weiterhin empfinden möchte. Schaue ich mir aber aktuelle Stellungnahmen etwa aus dem BDK an, so muss ich konstatieren, dass dort mit Hochdruck daran gearbeitet wird, das Freund-und-Helfer-Image nachhaltig zu beschädigen. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass es in jenem Teil der Realität, den diese Berufsgruppe beackert, so aussehen mag, als sei Kriminalität allgegenwärtig und Rechtschaffenheit eine Abnormität. Das sollte aber nicht davon abhalten, auch mal einen Schritt zurückzutreten und das größere Bild zu betrachten. Dann sähe man nämlich: Wer anlasslose Vollüberwachung fordert, behauptet nicht weniger, als dass jeder Bürger jeglicher Tat verdächtig ist, bis individuell das Gegenteil bewiesen ist. Oder um eine Formulierung aus dem September 2007 zu recyclen: Wenn die Angstzerfressenheit meines mich unter Generalverdacht stellenden Staates wiederum eine Atmosphäre von Angst und Misstrauen unter seinen Bürgern erzeugt, so ist das ein verdammt hoher Preis für ein Minimum theoretischen Sicherheitsgewinns.

Dass es beim Gesetzgeber ein verbreitetes Phänomen ist, orwellsche Dystopien mit politischen Handlungsempfehlungen zu verwechseln, bis Bundes- oder Europarichter diesem Treiben einen Riegel vorschieben, ist bedauerlich genug; wenn es nun auch innerhalb der Exekutivorgane hoffähig wird, rechtsstaatliche Fundamentalia doof zu finden, sollte man möglicherweise anfangen, sich Sorgen zu machen …

Neue Mieter

Zu unserem großen Bedauern haben sich die Grauschnäpper in diesem Jahr noch nicht wieder blicken lassen, obwohl wir in ihrer bevorzugten Wohnlage diesmal eigens eine halbe Kokosnussschale bezugsfertig gemacht haben. (Vielleicht ist es aber auch noch zu früh in der Saison.) Allerdings sind dieses Jahr andere Gäste aktiv: Der Zaunkönig hat leider noch nicht lange genug stillgehalten für ein Foto, und unsere alten Bekannten, die Amseln, haben entdeckt, dass der Belüftungsspalt hinten in der Garage groß genug ist, um auch mit einem Schnabel voller Nistmaterial durchzuflattern.

Amsel beim Nestbau

Immerhin ist Madame während der Arbeit noch ziemlich entspannt und duldet es großzügig, dass wir hin und wieder mal ein Fahrrad aus der Garage holen. Jetzt frage ich mich, ob wir demnächst zur Brutphase etwas Catering anbieten sollten, vielleicht ein Näpfchen mit lauwarmem Milchbildungstee … ach nein, das funktioniert da ja anders.

Gelesen: Diverse Lyrik

Ungefähr alles, was ich von Lyrik weiß, ist, dass sich jambischer Pentameter wenn auch holprig auf Rhombendodekaeder reimt, aber das hilft uns hier nicht weiter. Nun ist aber meine diesbezügliche Begeisterungsfähigkeit meiner Ahnungslosigkeit mindestens ebenbürtig, weshalb ich die diesjährigen Leipziger Messenächte wie berichtet überwiegend bei Dichterlesungen verbracht habe. Und natürlich habe ich auch tüchtig eingekauft, in der improvisierten Lyrikbuchhandlung und auf der Messe selbst. Weiterlesen

Nochmals zur JMStV-Konsultation

Nachdem es auf der neuen Bürgerbeteiligungs-Plattform zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag anfangs wirkte, als ob die Filterfraktion hier um jeden Preis die Deutungshoheit verteidigen wolle, so werden vernünftige Positionen in den Kommentaren allmählich präsenter. Gut so – denn auch wenn dieses Angebot technisch mangelhaft umgesetzt und in den Fragestellungen weitab von ergebnisoffen ist, so sollte man sich als Interessierter doch hinterher nicht vorwerfen lassen können, man hätte sich ja an der Konsultation beteiligen können und habe nun kein Recht zu meckern.

Hier übrigens meine Antwort auf Frage 10, Welche Änderungen am Jugendmedienschutz-Staatsvertrag erscheinen Ihnen darüber hinaus sinnvoll?:

Abkehr vom unkritischen Fokus auf technische Maßnahmen zum Jugendschutz, wie er sich etwa hier in sämtlichen Fragestellungen manifestiert:
Dass Filter nie auch nur annähernd perfekt funktionieren, ist eine Binsenweisheit. Um automatisiert wirksam zu sein, bedürfen sie massiven Overblockings, und die Korrektur auf Fehlerquoten auch nur im Promillebereich garantierte Deutschland vielleicht Vollbeschäftigung, wäre aber wirtschaftlich irrsinnig.
Jeder in Filter investierte Cent fehlt etwa für Schulprogramme zur Förderung der Medienkompetenz und wäre dort höchstwahrscheinlich besser investiert.

Filter statt Bildung

Wie ihr möglicherweise mitbekommen habt, ist mal wieder eine Novellierung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags im Gespräch. Mit dem erklärten Ziel der „Stärkung des technischen Jugendmedienschutzes im Internet“ – sie lernen es einfach nicht, dass technische Lösungen für soziale Probleme … Moment, ich muss mir eben die Fusseln aus dem Mund saugen.

Aber diesmal ist es noch besser: Diesmal ist sogar Bürgers Mitwirkung bei der Meinungsbildung gefragt. Hier könnt ihr nach Anmeldung in den nächsten acht Wochen die geplanten Änderungen am JMStV nicht nur einsehen, sondern auch kommentieren.

Dazu sind auch eure Antworten auf zehn so drängende Fragen erwünscht wie „Auf welche Weise können bei der gegenseitigen Anerkennung auch die Entscheidungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einbezogen werden, die er im Rahmen des für ihn geltenden Jugendschutzregimes über die Alterseinstufung seiner Filme trifft? Soll beispielsweise die FSK ohne weitere Prüfung eine bespielte Videokassette ab 12 Jahre freigeben, wenn die öffentlich-rechtliche Anstalt zuvor für den identischen Film unbeanstandet entschieden hat, ihn ab 20.15 Uhr zu senden?“

Und dies ist noch eine der verständlicheren Fragen, zudem – auf der Website keine Selbstverständlichkeit – in unfallfreier Grammatik formuliert. Über weite Strecken richtet sich die Sprache an Volljuristen in mindestens fünfter Generation, so dass die wenigsten Normalerziehungsberechtigten auch nur die Chance haben zu begreifen, worum es hier geht. Eines zumindest ist offensichtlich: Am grundsätzlichen Ziel, lieber in Jugendschutzfilter als in Bildung zu investieren, soll den Fragestellungen zufolge keinesfalls gerüttelt werden.

Faszinierend auch, wie es möglich ist, so wenig Gehalt und so bescheidene Interaktionsmöglichkeiten gleichzeitig so unübersichtlich zu gestalten. Das Ganze macht den Eindruck, als sei es vom Schülerpraktikanten in der Behörde an einem halben Tag zusammengeklickt worden, aber irgendetwas sagt mir, dass die im Impressum genannte Firma für dieses Usability-Desaster womöglich sogar Geld bekommen hat …

Lieber Bund und liebe Länder: Wenn ihr nächstes Mal überhaupt keinen Bock habt, die Meinung eures Souveräns auch nur zur Kenntnis zu nehmen, dann verschleiert das bitte ein bisschen besser als mit diesem „Mitmachangebot“.

(25.3.: Überschrift nachträglich geändert. Link korrigiert – jetzt zur übersichtlicheren Startseite)