Notizen zu Enzensberger

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Bonus-Aufgabe zum Feierabend: Visualisieren Sie ein Dilemma …

Wie ihr euch bereits dachtet, geht es um Hans Magnus Enzensbergers Aufsatz in der FAZ, Wehrt Euch!

Was mich betrifft, so bin ich emotional die längste Zeit des Tages voll auf seiner Seite – was für ein schöner Traum, einfach auf E-Mails, Online-Handel und andere Mitbringsel der Digitalisierung vollständig wieder verzichten zu können! Und dennoch, da stimmt etwas nicht: Denn selbst wenn wir – eine rein hypothetische Option – jeglichen Aspekt der Computerei aus unseren Leben verbannten, so löste das doch genau gar kein Problem; die Probleme würden nur etwas weniger deutlich sichtbar.

Denn nicht die Digitalisierung ist das Problem. Nicht Facebook, Google, Amazon, Apple und Co., nicht mein zunehmend ungeliebtes Smartphone und auch nicht die Kreditkarte. Zwar sorgt es fraglos für ein gutes Gefühl, hier und da ein wenig auf Datensparsamkeit zu achten und Digitaldiät zu treiben; aber letztlich sind all die vermeintlich bösen Dinge, die Enzensberger beschreibt, nur Platzhalter, nur Sündenböcke für etwas, das weit außerhalb ihres Reviers zu finden ist. Und dieser diffuse Schuldige für all die Ärgernisse, die er völlig korrekt beschreibt, ist nichts anderes als das Wesen des Menschen selbst, der zum Guten wie zum Bösen in der Lage ist und sich mal in diesem, mal im entgegengesetzten Sinne entscheidet, wobei die Folgen seines Handelns von seinen digitalen Gadgets auch schlimmstenfalls lediglich verstärkt werden.

Ja, ich würde auch gern, mehr als nur manchmal, das Smartphone entsorgen, das DSL-Kabel ziehen und mein Leben wieder so organisieren wie in den 1990er Jahren. Aber es ist mir vollkommen klar, dass das nichts ändern würde – ich hielte mir damit nur beide Hände vor die Augen und glaubte ganz fest daran, dass niemand mich sieht.

Noreply mit und ohne GPG

Was ich ja an der aktuellen E-Mail-Sicherheitswarnung des BSI am interessantesten finde: Für den Antwortroboter der Mailcheck-Seite, noreply@sicherheitstest.bsi.de, kann man einen öffentlichen GPG-Schlüssel herunterladen; für die offizielle Kontaktadresse der Behörde, poststelle@bsi.bund.de, gibt es bloß ein S/MIME-Zertifikat :-/

Das festzustellen hatte ich im vorigen Jahr mehrfach Gelegenheit, weil sich nämlich diverse Behörden, wenn ich mich über kaum benutzbare oder unsicher programmierte Websites beschwerte, auf den Standpunkt zurückzogen, das sei ja alles nach BSI-Richtlinien entstanden und also per Definition sicher und toll. Und dann habe ich natürlich beim BSI nachgefragt, wie das wohl sein könne. Habe allerdings nie Antworten bekommen, nicht mal automatisierte. poststelle@ scheint auch auf noreply@ umzuleiten …

Was ich den Leuten dort allerdings auch kaum verübeln kann: Die haben nun mal den undankbaren Job, De-Mail zu promoten. In dieser Situation würde ich es mir auch lieber verkneifen, mich auf konkrete Aussagen zur Internet-Sicherheit festnageln zu lassen ;-)

Mein Foto 2013

Und noch eine Fundsache, auf die ich sowohl bei Aebby als auch bei Klaus aufmerksam gemacht wurde: die Blogparade „Mein Foto aus 2013“.
Nun, dies ist meins:
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Es war vor einigen Monaten schon mal hier zu sehen (Link unten), ich habe es seither aber noch einmal neu “entwickelt”. Es hat keine (oder zumindest keine von mir beabsichtigte) Metaebene, aber ich mag es aus vielen Gründen:
Es zeigt meine beiden langjährigen Lieblings-Sujets – Bäume sind nicht zu übersehen, und Wasser ist in den Schwänen impliziert.
Die Kälte an diesem frühen Januarmorgen wird, denke ich, ebenso deutlich wie der Umstand, dass bei vermeintlich widrigen Witterungsbedingungen das Licht oft interessanter ist als bei prächtigem Sonnenschein.
Und schließlich war Winter an der Ostsee (hinter der Baumreihe mag die geneigte Betrachterin sich einen schmalen Streifen Wasser und dahinter die Insel Poel vorstellen) quantitativ ebenso wie qualitativ mein dominierendes fotografisches Thema im zurückliegenden Jahr. (Für 2014 habe ich übrigens noch keine Vorstellung, was es werden könnte.)

Eine unterstützenswerte Initiative

Wie der Zufall so spielt … In den letzten Tagen bewegten sich meine Gedanken wieder einmal um das Thema, dass und warum wohl eine der Grundversprechungen der Moderne – technischer Fortschritt und insbesondere Automatisierung befreien den Menschen von der Notwendigkeit, zur Sicherung seiner Existenzgrundlage in der Regel mehr, eintöniger oder gefährlicher zu arbeiten, als es ihm angenehm erscheint – bis heute uneingelöst ist. In dieser Grübelphase mit weitaus mehr Fragen als Antworten bin ich auf eine EU-Initiative hingewiesen worden, die zum Ziel hat, „die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten gem. Art. 156 AEUV zu fördern im Hinblick auf die Erforschung des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) als Instrument zur Verbesserung ihrer jeweiligen Systeme der sozialen Sicherheit.“

Es geht da, wenn ich es recht verstehe, noch nicht um eine konkrete Ausgestaltung dieses Instruments, sondern nur darum, zum BGE europaweit forschen zu können. Und das fand ich, bei aller Skepsis, unterstützenswert genug, um dort meine Unterschrift zu hinterlassen. Wenn ihr das auch tun möchtet, geht das noch bis zum 14. Januar.

Anonym am eigenen Rechner

Ich scheine meinen Browser gut im Griff zu haben … Bei Herrn Buddenbohm lese ich gerade von dem netten Spielchen, die Buchstaben des Alphabets in die Google-Suchleiste einzutippen und zu schauen, welche Vorschläge kommen. Probe aufs Exempel, korrekterweise mit meinem zurzeit meist genutzten Browser auf meinem meist genutzten Rechner (auf dem ich durchaus häufig die Google-Suche verwende, weil Duckduckgo in der Adressleiste eben doch nicht so gut funktioniert wie wünschenswert):

A apportiert Amazon, Aldi und die ARD.
B bringt Bild, Bundesliga, Brutto-Netto-Rechner.
C zeigt Chefkoch, Cinemaxx, Chip, Charts.

Über für mich so eklatant relevante Erstfunde wie Ebay, Facebook, Google und Kicker geht es weiter zum NDR, wo immerhin sichtbar wird, dass ich beim Surfen normalerweise auf IP-Verschleierung verzichte. Mit QVC und Under the dome sind sogar zwei Erstfunde vertreten, bei denen ich erst mal gugeln müsste, um herauszufinden, was das ist. Und so geht es weiter bis zu Xing, Youtube und Zalando.

Ist zwar nett zu wissen, dass mein eigener Rechner nicht mehr über mich weiß, als ich ihm erlaube. Dass da draußen Leute sitzen, die meine tatsächliche Suchhistorie abschnorcheln, ist eine andere Geschichte. Die würden in den letzten Wochen zum Beispiel mitbekommen haben, dass ich ziemlich intensiv in Sachen bakterieller und Virusinfektionen recherchiert habe. Wenn sie dabei nicht mitbekommen haben, dass ich das tue, weil ich gerade ein populärwissenschaftliches Medizin-Buch im Lektorat habe, wäre womöglich demnächst damit zu rechnen, dass mir die Krankenkasse einen Risikozuschlag aufdrückt …

Zwanzig Dinge über mich

Normalerweise freue ich mich ja drüber, wenn mich niemand mit einem Blog-Stöckchen bewirft, weil das Schreiben von Listen ziemlich weit oben auf der Liste der Dinge steht, die ich hier ungern tue. Aber als ich dieser Tage bei Smilla Dankerts Punkt Numero 19 ganz laut JA! sagen musste, bekam ich plötzlich auch mal Lust drauf.

Allerdings erlaube ich mir ein wenig Kryptografie:

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01b
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Per Aspera

Das Wahlergebnis sei eine Katastrophe für die Bürgerrechte? Ja, das kann man so sehen. Ich tendiere allerdings dazu, die zu erwartende Entwicklung in puncto „Sicherheits“politik als Chance zu betrachten:

In der kommenden Legislaturperiode gibt es voraussichtlich außer dem Verfassungsgericht keine offizielle Instanz mehr, die den notorischen Freiheitshassern der Regierung auf die Finger klopfen kann. Also werden Innenministerium und Konsorten ungehemmt alles auffahren, womit sich bürgerliche Rechte beschneiden und die heute noch nicht ganz lückenlosen Überwachungsmaßnahmen online wie offline immer weiter ausbauen lassen. Das wird hässlich werden. So hässlich, dass endlich auch außerhalb des harten netzpolitischen Kerns zur Kenntnis genommen wird, dass auch innerhalb einer nominellen Demokratie Freiheitsrechte keine Selbstverständlichkeit sind.

Denn bisher hat es offensichtlich noch nicht weh genug getan. Gut möglich, dass sich das jetzt ändert.

Nachtrag: XiongShui hingegen erwartet ein Wintermärchen.

Last-Minute-Hinweis

Habt ihr auch die großbuchstabige Wahlsondersendung im Briefkasten gehabt? Und vielleicht sogar durchgeblättert bis auf Seite 10/11, diese doppelseitendeckende Dokumentation erschreckender Ahnungslosigkeit? Nein, ich will jetzt gar nicht auf die teils bizarren Erwartungen an einzelne Parteien hinaus; aber mit Erststimme Piraten und mit der Zweitstimme was Etabliertes? Auch als Punk am Hauptbahnhof könnte man schon mal davon gehört haben, dass die Zweitstimme den kleinen Unterschied macht …

Inhalte statt Fraktionszwang

Alle vier Jahre wieder werden wir von offizieller Seite mit Motivationsprogrammen zur Steigerung der Wahlbeteiligung beglückt, und auch die 2013er Auflage “Du bist die Wahl!” ist ebenso liebenswert-hilflos wie all ihre Vorgänger. Aber es gibt auch gute Argumente dafür, selbst dann wählen zu gehen, wenn man sich mit keiner der Parteien wirklich identifizieren kann. Das beste hat gerade Aebby in einer überzeugenden Grafik visualisiert.

Was für eine schöne Vorstellung: Eine Wahlbeteiligung jenseits der neunzig Prozent und dabei gerade so viele Stimmen für die kleineren Parteien, dass keine der klassischen Koalitionen mehrheitsfähig ist; eine Minderheitsregierung, die mit Sacharbeit und Argumenten immer wieder neu für ihre Positionen werben müsste; Abgeordnete, die endlich wieder mehr auf ihr Gewissen hören könnten als auf die Vorgaben des Fraktionszwangs. (Nein, ich glaube nicht daran, dass Minderheitsregierungen zwangsläufig so enden müssen wie in der Weimarer Republik.) Mag sein, dass das ein naiver Traum ist; aber Träumen ist nicht verboten. Und fast alles wäre besser fürs Land als noch eine Legislaturperiode mit Weiterwurschteln wie immer …

Und wer sich vorher intensiv informieren möchte, findet bei Klaus eine kleine Sammlung aktueller Wahlprogramme, die hier noch (ohne dass damit eine Wertung verbunden sei) um die Linke (100 Seiten) und die AfD (4 Seiten) zu ergänzen ist, um sie im Sinne der oben verlinkten Grafik vollständig zu machen.