Gelesen: Juli Zeh, „Nullzeit“

Es gibt Situationen, in denen die größte Gnade darin besteht, wenigstens selbst schuld zu sein.

Solche Perlen finden sich immer mal wieder im Verlauf der rund 250 Seiten. Aber davon abgesehen ließ mich die Lektüre etwas ratlos zurück. Dabei fängt die Story gut an, nimmt schnell Fahrt auf und hält Tempo und Sog bis zum Schluss auf hohem Niveau. Gleichwohl hatte ich ziemlich früh schon das Gefühl, dass etwas Wesentliches fehlt:

Wir haben hier eine potenziell raffinierte Dreiecksgeschichte, in der zwei Perspektiven derselben Geschehnisse gegeneinander geschnitten sind; aber nur einer der beiden Erzählstränge wirkt authentisch, der zweite ist von Beginn an unglaubwürdig. Und so sind nicht nur die Sympathien frühzeitig verteilt, sondern auch die meisten Zweifel ausgeräumt, die aber nötig wären, dem Plot zum Ende hin noch einmal eine überraschende Wendung zu geben. Insofern: gute Unterhaltung, aber ohne nachhaltigen Wow-Effekt. Als Sachbuchautorin mag ich Frau Zeh, glaube ich, lieber.

Es ist wieder Adleraugen-Saison

Guck mal, da ist einer!
Wo ist der Pilz?
Wo?
Da:
Da ist der Pilz
Oh ja, der sieht gut aus!
Aus der Nähe
Unsere sensiblen Schwammerlsensoren sind so eine Art Erbstück in meiner Familie – seit ich mich erinnern kann, gehen wir alle gern in die Pilze. Dabei sind wir durchaus zurückhaltende Sammler: (Fast) nichts mit Lamellen, keine Röhrlinge mit rotem Stiel, überhaupt nur das, was wir sicher kennen. Aber auch da bleibt noch eine Menge leckerer Waldbodenbewohner übrig, die wir auch dann gut finden, wenn sie sich tarnen.
Gut getarnt

Ein Männlein steht im Walde

Schönheit mit Hut

Makellos
Heute waren es etliche wirklich schöne Steinpilze, ein paar Maronen- und ein, zwei Goldröhrlinge sowie eine kleine Portion Pfifferlinge. Insgesamt genug für zwei üppige Familienmahlzeiten. – Das macht für mich den enormen Charme dieser Jahreszeit aus: Bei endlich wieder angenehmen Temperaturen stundenlang durch die Wälder stromern und auch noch was zum Essen heimbringen, …
Auflauf
… woraus man zum Beispiel einen Pilz-Nudelauflauf mit Bechamelsauce machen kann, der mit zweierlei Reibekäse und Semmelbröseln überbacken wird. Lecker!

In Misskredit

„Mein Kind neigt dazu, die Schuld immer bei anderen zu suchen. Also von mir hat es das nicht!“

Gelegentlich dringen ja auch Meldungen aus dem Ressort Vermischtes bis zu mir durch; in den letzten Tagen ließ es sich etwa nicht vermeiden, mitzubekommen, dass in größerer Stückzahl Nacktbilder von Prominentinnen aus deren iCloud-Konten gestohlen und in diversen Schmuddel- und Klatschforen verbreitet worden sind.

Die Schuld für diesen Leak wurde meist bei Apple gesucht, das seine Betriebssysteme zu cloudfixiert und zu wenig sicher gestalte, wahlweise auch bei den Diebstahlsopfern, die ihre privateren Dinge ja nicht im Internet hätten speichern müssen. Nun ist beides nicht ganz von der Hand zu weisen, es greift aber entschieden zu kurz:

Schuld sind ja wohl primär diejenigen Leute, die die Bilder geklaut und sie dann, um der ursprünglichen Schäbigkeit noch eins draufzusetzen, aufmerksamkeitsheischend im Netz verbreitet haben. Und sie schaden damit zunächst den Bestohlenen, aber letztlich auch uns allen: Solche Flachpfeifen missbrauchen die relative Freiheit und Anonymität des Internets und diskreditieren so diese ursprünglich wertvollen Eigenschaften. Auf diese Weise tragen sie zu einer Atmosphäre bei, in der noch mehr Überwachung und Kontrolle von vielen Menschen als das kleinere Übel betrachtet wird. Toll gemacht, ihr Idioten!

Verschlafene Traumstraßen

An der SS345 delle Tre Valli

An der SS345 delle Tre Valli

Passo Crocedomini, Giogo del Maniva, Passo Dasdana – wohl den wenigsten radelnden Serpentinensammlern dürften diese Namen geläufig sein. Was schade ist, denn diese und einige andere Übergänge in der Tre-Valli-Region zwischen Adamello-Gebirge und Gardasee lassen sich zu einer wunderschönen kleinen Rennrad-Tour kombinieren (sofern man seinen dünnen Reifen ein bisschen Schotter zumuten mag – bei angepasster Fahrweise ist das allerdings kein Problem), die sehr unterschiedliche, durchweg sehenswerte Landschaften erschließt und spektakuläre Blicke in die umliegenden Höhenzüge erlaubt, wobei sie auf weiten Teilen angenehm verkehrsarm bleibt.
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Big Brother ans Steuer?

Man las in den zurückliegenden Wochen viel über selbststeuernde Autos; insbesondere was aus dem kalifornischen Google-Umfeld zu vernehmen ist, lässt vermuten, dass diese spektakuläre Technik kurz vor der Serienreife steht. Solche Autos, die sich über permanente präzise Lokalisierung, Funk-Datenverbindungen und vielerlei Sensoren ohne Zutun des Fahrers auf den Straßen orientieren, versprechen geradezu Sensationelles: flüssigeren Verkehr ohne Staus, signifikant reduzierten Spritverbrauch und CO2-Ausstoß, drastisch verringerte Unfallzahlen und entsprechend weniger Todesopfer. Toll, was?

Ich erlaube mir dennoch, skeptisch zu sein.

Und zwar nicht, weil ich dazu neige, die vermeintliche Freiheit des Autofahrens zu glorifizieren – wer mich kennt, weiß, dass eher das Gegenteil zutrifft. Der Straßenverkehr könnte für meinen Geschmack sehr viel restriktiver reguliert und rigider kontrolliert werden, als das zurzeit passiert; und was mich selbst betrifft, so freue ich mich jetzt schon darauf, auch auf dem Dorf keinen privaten PKW mehr zu brauchen, wenn erst die Lütten aus dem Haus sind.

Der entscheidende Punkt, der Roboter-Autos à la Google-Car für mich inakzeptabel macht, liegt vielmehr darin, dass so ein Vollauto-Mobil zwangsläufig massenhaft Daten sammelt und austauscht, und das können durchaus personalisierbare Daten sein (so ein Google-Car weiß schließlich, wer gerade an Bord ist – erst dann wird das alles richtig komfortabel). Und wo Daten gesammelt werden, ist der Missbrauch nicht weit. Das Stichwort „anlasslose Überwachung“ kennen wir alle aus etlichen Diskussionen der letzten Jahre, und warum sollte, was an der Vorratsdatenspeicherung strikt abzulehnen ist, im Straßenverkehr plötzlich erlaubt sein? Warum soll ich ein Auto mitschneiden lassen, wer gerade drin sitzt, wohin man unterwegs ist, welche Musik läuft usw., ohne dass ich eine Ahnung habe, wer auf diese Daten zugreifen kann? Wer auch immer die Idee des Roboter-Autos attraktiv findet, möge mal überlegen, ob er das damals, gerade 18, mit der Flamme auf dem dunklen Waldparkplatz so richtig dufte gefunden hätte …

Und es ist ja nicht so, dass sich ein Großteil der oben genannten Vorteile nicht auch ohne vollständige Transparenz von Fahrzeug und Insassen erreichen ließe:
* Schon heute wäre es etwa ohne weiteres möglich, die Innenstädte von Hamburg und diversen anderen Metropolen für den motorisierten Individualverkehr zu sperren, und innerhalb weniger Jahre sollte das, guten Willen vorausgesetzt, in allen größeren deutschen Städten und Ballungsräumen die Norm sein können.
* Sinnvolle Geschwindigkeitsbegrenzungen (in Wohngebieten z.B. Schritttempo) können flächendeckend eingeführt und deren Einhaltung systematisch überwacht werden. Überwacht, wohl gemerkt, auf heutigem Stand, minus der schäbigen Realität automatisierter Kennzeichen-Erfassung: Erst sobald der Fahrzeugführer sich etwas zuschulden kommen lässt, werden sein Untersatz und er identifiziert.
* Ebenfalls ohne persönlich identifizierende Daten-Agglomerationen müsste es relativ kurzfristig möglich sein, Kraftfahrzeuge so auszurüsten, dass sie auf Autobahnen und mehrspurigen Straßen automatisch ein günstiges Tempo sowie sicheren Abstand zum Vordermann halten.
* Dazu noch ausreichende Investitionen in den ÖP(N)V, Verlagerung und teilweise Automatisierung des Gütertransports, und das Leben auf den Straßen wäre deutlich sicherer und in den Innenstädten wieder lebenswerter.

Das bisschen Extra-Sicherheit, das sich zusätzlich erreichen ließe, indem man die Knatterkiste jeglicher Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeit beraubte, steht meines Erachtens in keinem gesunden Verhältnis mehr zu den Risiken dieser anlasslosen Überwachung. Wer dennoch darauf besteht, sollte vielleicht auch seinen Kindern einen Tracking-Chip unter die Haut pflanzen – ist schließlich auch ein Sicherheitsgewinn, wenn man ständig weiß, wo sie sind.

Gelesen: „Die Welt des Ryszard Kapuściński: Ausgewählte Geschichten und Reportagen“

Es war wohl erst um die Jahrtausendwende, als ich dem Werk des polnischen Reiseschriftstellers zum ersten Mal begegnet bin – ziemlich sicher in einem seiner Beiträge für Lettre International. Kapuściński war Zeuge von Wendepunkten der Weltgeschichte auf mehreren Kontinenten und schrieb nicht nur großartige Reportagen (die mir leider nicht im Original zugänglich sind, aber die Übersetzungen von Martin Pollack empfinde ich als sehr gut lesbar), sondern hinterfragte in klugen Texten immer wieder auch seine eigene Arbeit zwischen Journalismus und Literatur.

Die von Ilija Trojanow getroffene Auswahl dieses Bandes gibt lediglich erste Einblicke, die zwangsläufig oft fragmentarisch bleiben. Aber die Texte machen große Lust, in Kapuścińskis umfangreichem Œuvre weiterzulesen, und damit haben sie wohl ihren Zweck erfüllt. Einziger Wermutstropfen: Das Buch hätte einen kompetenteren Führer durch die Mienenfelder (sic!) der Rechtschreibung verdient – dafür war allzu offensichtlich nur der Praktikant im Korrektorazbüro Quickndirty zuständig …

Gelesen: Isabel Bogdan, „Sachen machen“

Man rutscht ja allgemein viel zu wenig.

Bei Isabel Bogdan scheint der Tag ein paar Stunden mehr zu haben als üblich: Sie übersetzt nicht nur ziemlich fleißig (eins ihrer Werke habe ich bereits gelesen) und pflegt tolle Projekte im Internet, sondern macht auch noch Sachen. Floating, Rhönrad, Indoor-Spielplatz, Esoterik-Messe – vor nichts schreckt sie zurück, alles wird ausprobiert. Ihren Beschreibungen zufolge macht ihr das manchmal mehr Spaß, manchmal weniger – aber für den Leser ist es alles gleichermaßen vergnüglich.

Doch noch gelesen: „Die Philosophie des Radfahrens“

Ich habe dann absichtlich ein bisschen Abstand gehalten und noch ein bisschen was anderes an Lektüre zwischengeschoben (dazu später mehr), aber als ich es heute zuklappte, kam ich doch nicht umhin zu konstatieren: Ich seh das ganz ähnlich wie Peter. Es waren ein paar lesenswerte Texte drin, auch ein bisschen was, das ich noch nicht wusste, aber mehrheitlich blieb es doch eher an der Oberfläche.

Vermutlich hinterlässt es aber einen günstigeren Eindruck bei Lesern, für die es das erste Buch zu diesem Themenkomplex ist: Für diese Zielgruppe wäre es eine durchaus vielseitige Zusammenstellung in überschaubarer Länge. Ethische, politische, technische, soziale Aspekte des Radfahrens – alles wird zumindest so weit angerissen, dass man als interessierter Neuling hinterher eine Idee hat, in welche Richtung man weiterlesen könnte.

Travemünde, Sommerabend

Nostalgie

Als kleinen Trost für die Abwesenheit anständiger Landschaft erlaubt es das Hamburger Umland immerhin, noch den einen oder anderen Ort an der Ostseeküste zu erreichen, wenn man das Büro nachmittags etwas früher zuklappt und sich aufs Rad schwingt. Fühlt sich immer gleich ein bisschen wie Urlaub an, mal einen Teil des Tages aufs Wasser zu gucken statt auf den Bildschirm.

Regatta gucken

Dieses Mal war es nicht ganz so entspannend: Den kräftigen auflandigen Wind, der während der zurückliegenden Tage an der Ostsee für hohe Wellen, Unterströmung und Badeverbote sorgte, konnte man schon an den „falschrum“ vor unserer Küchentür vorbeiziehenden Wolken erkennen. Und anschließend daran, dass ich für etwas über 100 km nach Travemünde (nicht auf der kürzesten, aber via Ratzeburger See auf der wohl schönsten Strecke) eine ganze Stunde länger gebraucht habe als sonst. Aber zumindest bin ich noch bei Tageslicht angekommen. Und vermutlich wegen der gelben bis roten Badefähnchen war trotz Travemünder Woche auch ziemlich wenig los.

Promenade

Wolken

Außer abends, beim Freiluftkonzert von Pohlmann:

Pohlmann

Was ja an Travemünde besonders charmant ist: Einerseits hat man schon den Eindruck von Weite, aber andererseits ist man immer noch ganz dicht dran an den großen Pötten, die von und nach Skandinavien unterwegs sind. Man muss vom selben Standpunkt immer nur ein klein wenig in die andere Richtung gucken und vielleicht etwas ranzoomen.

Strandkörbe

Nah an der Fahrrinne

Oh, und Wald gibt es auch. Der ist sogar besonders schön ab dem Nachmittag, wenn die Sonne dahinter zu verschwinden beginnt:

Wald Richtung Brodten

Nur ein paar Dreitausender am Horizont, der eine oder andere Gletscher, Serpentinen: Da kann man in Travemünde hingucken, wo man will – immer Fehlanzeige.

Letzter Schimmer