Professionell und produktiv

Neulich musste ich eine Festplatte mit Dual-Boot (Windows 7 und Ubuntu 14.04) proportional auf eine größere Festplatte klonen. Während Linux nach dem Umstöpseln sofort wieder funktionierte, waren erst noch zwei rechercheintensive Nächte nötig, bis ich auch mit Windows wieder arbeiten konnte.

Was genau war noch gleich der wesentliche Vorteil von teurer kommerzieller Software?

Gelesen: Jakob Hein, „Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht“

Was für eine hübsche Idee – ein Matroschka-Roman, in dem mehrere Erzählungen ineinander verwoben sind und der sich schichtweise von außen nach innen nach außen liest. Und liebenswert noch dazu, insbesondere der Protagonist der Rahmenhandlung war mir von der ersten Seite an sympathisch. (Kunststück: Jemand, der eine Agentur für verworfene Ideen gründet, und sei es nur in der Fiktion, der muss einfach großartig sein.)

Dabei schafft es das Buch, auf gerade mal 170 Seiten gleichzeitig locker-fluffig daherzukommen, dabei tief schürfende Fragen des menschlichen Daseins so zu tangieren, dass man als Leser große Lust bekommt, weiter darüber nachzudenken, und sich derweil mit charmanten dramaturgischen Kniffen um die Beantwortung ebendieser Fragen herumzumauscheln. 

Insgesamt vielleicht kein sensationelles Werk, aber sehr angenehme Nachtlektüre. Schade fand ich bloß, dass es in einem Traditionsverlag wie Piper offensichtlich kein Korrektorat mehr gibt; zumindest steht dafür niemand in der Titelei, und die Tippfehlerdichte spricht auch für diese Annahme.

Gelesen: Michael Seemann, „Das Neue Spiel“

Vor ein paar Tagen bin ich mit meinem ersten bei Sobooks gelesenen Buch fertig geworden, aber wie ich neulich schon angedeutet habe, bin ich nicht so recht warm geworden mit dem „Neuen Spiel“. Vieles ist gut beobachtet und treffend analysiert, aber letztlich fallen mir Seemanns Utopien (die er auf Seite 156 als Realismus bezeichnet; Realismus nach meinem Verständnis wäre demnach Nostalgie) mitunter allzu sektiererisch aus – etwa wenn er die letzte These aus Stefan Heidenreichs Datendichte und digitale Geschichte zitiert und dann fragt, „wieso einige von uns sich so vehement gegen das Licht wehrten“. Seemann tut so, als ob hinter dieser Abwehrhaltung – ich bevorzuge es, von Skepsis zu sprechen – nicht mehr steckt als nur das Verteidigen überkommener Geschäftsmodelle (Journalismus, Musik); aber für mein Empfinden geht es vor allem um die Frage, wie viel Menschlichkeit noch bleibt, wenn wir uns immer mehr über unsere digitalen Spuren definieren. Auch wenn der Autor es anders darstellt, kommt bei mir letztlich die Botschaft an, der Mensch habe der allgegenwärtigen Datenwolke zu dienen statt umgekehrt.

Übrigens stelle ich fest, dass mit nur wenigen Tagen Distanz schon nicht mehr allzu viel konkreter Inhalt präsent ist. Nun habe ich mich durchaus intensiv mit der Lektüre befasst, einige Seiten mehrfach gelesen, die Kommentare nochmals gesondert (notgedrungen – eine Benachrichtigungsfunktion für Reaktionen auf eigene Kommentare steht bei Sobooks noch auf der To-do-Liste). Und dennoch ist der Text vergleichsweise rückstandsarm an mir vorbeigerauscht: Wenn ich eine bestimmte Passage suchte, ohne ein konkretes Suchwort benennen zu können, musste ich deutlich länger blättern als in einem gedruckten Buch. Vermutlich bin ich zu sehr auf Papier geeicht – diese liquiden Layouts, die je nach gewählter Darstellungsform, Ausgabemedium usw. ständig neu umbrechen, hinterlassen hier einfach keinen Eindruck …

Restlichtverstärkung

Zwei Fotos aus den letzten Tagen, jeweils aufgenommen am frühen Abend und mit vergleichbaren Methoden im Raw-Konverter aufbereitet. Kaum möchte man glauben, dass sie aus derselben DSLR stammen:

50mm, Offenblende f/1,4, 1 Sekunde aus der Hand bei höchster Sensorempfindlichkeit (entspr. ISO 25.600), zusätzliche Belichtungskorrektur im Konverter + 1,7.
Beimoorwald

35mm, f/8-11, 394 Sekunden mit Stativ bei ISO 200, Belichtungszugabe im Konverter + 0,7.
Siek, Radwanderweg

Während das erste bei Vollauflösung in 100-Prozent-Ansicht nur mehr psychedelische Muster aufweist und jegliche Strukturen aufgelöst scheinen,
Screenshot at Nov 04 20-49-06

zeigt das zweite sehr deutlich sogar die Blink-Intervalle eines während der Belichtung vorbeifliegenden Jets:
Screenshot at Nov 04 22-46-00

Momentan mag ich mich nicht recht entscheiden, welche Form der „Restlichtverstärkung“ ich attraktiver finde, für meinen Geschmack haben sie beide ihren Reiz. So oder so dürfte in dieser Saison noch einiges kommen, ist ja zum Glück lange genug dunkel …

Wolkenlos

Ungefähr drei Jahre lang habe ich Wuala benutzt, um Dateien zu lagern, die ich auf mehr als einem digitalen Gerät brauche. Gegenüber bekannteren Cloud-Speicherlösungen wie Dropbox punktet Wuala damit, dass die Daten bereits vor dem Hochladen auf dem Rechner des Kunden verschlüsselt werden und für niemanden sonst, die Betreiber eingeschlossen, lesbar sind (zumindest wird das versprochen – mangels Überprüfbarkeit ist der Normalsterbliche da wie üblich auf Vertrauen angewiesen).

Diese Verschlüsselei macht die Handhabung allerdings ausgesprochen zäh und träge – das Hoch- und Herunterladen dauert bei mir, wiederum im Vergleich zu Dropbox, das ich manchmal beruflich bedingt nutze, um ein Mehrfaches länger. Weshalb ich nun den Umstand, dass Wuala zum Ende dieses Jahres vollständig auf kostenpflichtige Konten umstellt, zum Anlass genommen habe, meine Regalfläche dort vollständig leerzuräumen und alle Instanzen des Clients zu löschen. Somit bin ich für private Zwecke wieder wolkenlos, und das wird wohl auch so bleiben: Die paar Dateien, auf die ich regelmäßig über Wuala zugegriffen habe, kann ich nach lokalen Änderungen auch manuell von einem Gerät aufs andere schubsen, oder ich verschlüssele sie selbst per GnuPG und schicke sie mir dann per Mail …

Erleichtert wird der vermeintliche Verzicht auch dadurch, dass das primäre Gerät, mit dem ich manchmal unterwegs die Cloud genutzt habe (nämlich mein historisches Smartphone) bereits vor geraumer Zeit bemerkt hat, dass sein Mindesthaltbarkeitsdatum ja schon um mehrere Jahre überschritten ist. Und jetzt möchte es lieber nicht mehr zuverlässig arbeiten, stattdessen stürzt es gern mal ab, wenn ein Anruf eingeht, oder man muss ständig zwei Zentimeter neben den Punkt tippen, den man eigentlich treffen will. Das kommt jetzt also auch in die große Kiste Aus-dem-Alter-bin-ich-raus, denn im Moment verspüre ich so gar keinen Drang, es durch ein neueres zu ersetzen: Ich hab es einfach über, ständig irgendwas neu kaufen zu sollen, nur weil es nicht solide genug konstruiert ist, um zehn oder mehr Jahre zu halten. Dann bin ich halt nicht auf der Höhe der Zeit – so what?

Dieses Social Readingens

Ich kann mich noch gut an meine spontanen Gedanken erinnern, als ich zum ersten Mal von Sobooks hörte, es war während der Frankfurter Buchmesse 2013: Ein Buch, das zugleich Schnittstellen in die sozialen Netzwerke hat, muss wohl Minderwertigkeitskomplexe haben. Ein Jahr später nun ist die Plattform für jedermann nutzbar gestartet, und natürlich schaue ich sie mir aus der Nähe an.
sobooks

Zu diesem Zweck soziallese ich zuerst mal „Das Neue Spiel“ von Michael Seemann alias mspr0, der nachfolgenden Generationen, die ihr Wissen womöglich zuvorderst aus Suchmaschinen beziehen, vermutlich als Erfinder des Wortes Kontrollverlust gelten wird. Und dabei stelle ich fest, dass die Möglichkeit, direkt auf Kommentare anderer Nutzer zuzugreifen, bei Sachbüchern und Texten, die geeignet sind, kontroverse Diskussionen anzustoßen, gar nicht mal dumm ist: Etwaige faktische Fehler bleiben, hinreichend große Leserbasis vorausgesetzt, nicht lange unentdeckt, und ihre Korrekturen können dem Buch unmittelbar hinzugefügt werden, ohne in den Originaltext einzugreifen.

Einschub
Diese Funktion stellt die Arbeitsqualität von Autoren ebenso wie von Lektoren in einem Maß unter öffentliche Beobachtung, das bis vor kurzem nicht vorstellbar war – nichts für schwache Nerven …
Ende Einschub

Dass die Beschäftigung mit Kommentaren zumindest für mich den Lesefluss deutlich hemmt, steht auf einem anderen Blatt. Man kann zwar die Kommentaransicht ausschalten (beim Lesen auf dem Tablet muss man es sogar, weil zumindest im Hochformat nicht Text und Kommentar gleichzeitig auf die Seite passen), aber so ein auffälliges rotes Bapperl, das mir anzeigt, wie viele Kommentare es auf der aktuellen Seite gibt, bleibt immer sichtbar. Und wenn da eine Zahl >0 steht, zuckt es halt schon im Finger, gleich mal zu schauen. Hier wäre wünschenswert, temporär auf eine strikte text-only-Darstellung umschalten zu können.

Aber gut, das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, siehe auch blog.sobooks.de/am-start, da passiert bestimmt noch einiges. Aus meiner buchgestalterischen Perspektive am dringendsten wäre, dass mal jemand auf die typografische Darstellung schaut, denn eine Kombination aus Flattersatz und augenscheinlich aztekischem Regelwerk gehorchender Silbentrennung kann weder sprachlich noch ästhetisch überzeugen:
silbtrenn

Ansonsten ist das Ganze schon recht gut handhabbar, wenn man davon absieht, dass das Blättern am Laptop mit Wischgesten nur runter und rückwärts, nicht aber zur nächsten Seite funktioniert. Sie ist halt rein haptisch so gar nicht mein Ding, diese elektronische Buchsimuliererei, und bei Prosa oder Lyrik würde ich auf keinen Fall die Anmerkungen anderer Leser unmittelbar zugänglich haben mögen … Aber wie gesagt: Für kontroverse Sachtexte scheint mir diese Form wirklich brauchbar zu sein, wenn man sich als Leser denn darauf einlassen möchte. Zumindest in dieser Frühphase – spannend wird es, wie es in einem Sobook aussieht, das sich schon fünf Jahre lang reger Leserbeteiligung erfreut.

Und ob ich beim „Neuen Spiel“ viel weiter als bis aktuell Seite 78 kommen werde, weiß ich auch noch nicht. Es ist da halt wie immer mit Akteuren aus dem Dunstkreis der öffentlichen Zwangsdarmspiegelung für jedermann Postprivacy-Heilslehre: Die Analysen sind überwiegend treffsicher, aber bei den Schlussfolgerungen wird es haarsträubend. Zum Testen einer Plattform, bei der man sich als Leser so nackich macht wie bei Sobooks, ist es andererseits genau die richtige Lektüre :-)

Kunst und Musik zwischen Küste und Metropole

Zwischendurch ein kleiner Veranstaltungshinweis*:

Meine Lieblingsgalerie in Oetjendorf, auf halber Strecke zwischen Hamburg und Ostsee in the middle of nowhere, zeigt ab 2. November Bilder von Jörn Diederichs und Skulpturen von Lutz Hellmuth. Und damit möglichst alle Sinne gereizt werden, gibt es zur Vernissage Klaviermusik und vierzehn Tage später ein ausgewachsenes Kammerkonzert, beide im Rahmen des Projekts MusikERkennen der Musikhochschule Lübeck.

Weder von der Musik noch von der bildenden Kunst bin ich an diesem schönen Ort jemals enttäuscht worden – ganz im Gegenteil. Wer unter der geschätzten Leserschaft also das südöstliche Schleswig-Holstein an einem der kommenden Novembersonntage im Aktionsradius hat, macht mit einem Besuch in Oetjendorf sicher nichts falsch.

* ohne familiäre oder finanzielle Verflechtungen, rein der Sympathie geschuldet