Die letzte Bastion der Vernunft

Einmal mehr haben wir dem BundesverfassungsgerichtBundesgerichtshof (danke fürs Aufpassen, Gero) zu danken: Kein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms. Wäre auch übel gewesen, wenn sich gewisse krankhaft menschenfeindliche Tendenzen in der Versicherungswirtschaft, die uns – vorgeblich unserer Gesundheit zuliebe – per Blackbox im Auto und Fitness-App auf dem Smartphone am liebsten die Totalüberwachung in jeder Lebenslage bescheren würden, nun auch in dieser Hinsicht durchgesetzt hätten …

Man beachte übrigens auch den letzten Satz der BGH-Mitteilung: „Inwieweit in Fällen sportlicher Betätigung des Radfahrers das Nichttragen eines Schutzhelms ein Mitverschulden begründen kann, war nicht zu entscheiden.“ Das Urteil bezieht sich also ausdrücklich aufs Alltagsradeln, nicht hingegen auf Sport und Extremeres. Seh ich ja auch so.

Auch im Umkehrschluss übrigens – weshalb man mich, seit mein Lütter Spaß am Mountainbiking hat und wir zusammen auf holprigen Singletrails Dinge tun, die ich mir solo-tourend normalerweise verkneifen würde, auch gelegentlich wieder helmtragend antreffen kann (und sei es nur als Kratz-Schutz vor tiefhängenden Ästen), während die Schüssel im Stadt- und Alltagsverkehr weiterhin daheim bleibt.

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Folgenreiches, folgenloses Jahr

[Hier hätte laut meiner gestrigen Planung etwas zum ersten Jahrestag der Snowden-Leaks stehen sollen. Aber das wäre auch nur die Langfassung dessen geworden, was ich heute früh, leicht desillusioniert, hier bei ben_ druntergeschrieben habe.]

Der Vollständigkeit halber: Von den aktuell 89 Keys in meinem GPG-Schlüsselbund sind nur zwei oder drei im Lauf der zurückliegenden 365 Tage hinzugekommen. Spricht aus meiner Sicht nicht für ein signifikant gesteigertes Bewusstsein für die Problematik nicht oder nur unzureichend verschlüsselter elektronischer Kommunikation …

Millimeterarbeit

SD-Karte

Dies ist der Schreibschutz-Schieber einer SD-Speicherkarte, auf die neutrale Mittelposition geschoben und mit sehr viel Fingerspitzengefühl nur ein winziges Fitzelchen näher an “beschreibbar” geschubst. In dieser – und nur in dieser – Position ist sie für ein MacBook als beschreibbar gekennzeichnet; einmal zu scharf hingeschaut beim Einschieben in den Kartenleser, und der Schreibschutz greift wieder erbarmungslos zu.

Dass Macs eine SD-Karte in der normalen Unlock-Position nicht beschreiben können, ist, wie es scheint, ein schon länger bekanntes Phänomen. Es ist mir noch nicht früher aufgefallen, weil ich solche Karten lange nur lesend verwendet habe, also um Fotos aus der Kamera auf den Rechner zu überspielen. Aber seit Betriebssystem-Version 10.8 gibt es leider keine Treiber* mehr für meinen nun schon ziemlich betagten Fotodrucker**, so dass ich bearbeitete Fotos nicht mehr vom Rechner aus, sondern nur noch via Speicherkarteneinschub des Druckers ausgeben kann. Und bis ich heute diesen Schieber-Hinweis bei Mario Hoffmann gefunden habe, musste es immer der Umweg vom Mac via USB-Stick über den Linux-Rechner mit Kartenleser auf die SD-Karte sein***.

Da hat man einen im Prinzip voll funktionsfähigen Drucker und ein Foto, das genau auf diesen Drucker hin optimiert ist, und dann muss man erst mal stundenlang recherchieren, bevor man es ausdrucken kann – ich bin wieder mal hin- und hergerissen zwischen „Ist das nicht toll, dass man für praktisch jedes technische Problem im Internet eine Lösung finden kann?“ und „Na und? Die meisten dieser Probleme hätten wir ohne Computer und Internet gar nicht“ …

* Es gibt im Netz zwar Anleitungen, wie man die Treibersoftware ähnlicher Drucker mittels Hex-Editor für 10.8 kompatibel hackt, aber für mein Modell war leider nichts auffindbar.

** Das ist so ein Postkarten-Thermosublimationsdrucker, frühe Selphy-Baureihe. Fine-Art Printing geht definitiv anders (wenngleich die Ergebnisse bei Verwendung geeigneter Profile durchaus passabel sind), aber das Kistchen kann man ohne weiteres auch mal ein halbes Jahr im Schrank vergessen, und wenn man es dann rausholt, druckt es ohne Zicken wie am ersten Tag. Man versuche das mal mit einem Tintenspritzer …

*** Das aber hatte seine eigenen absurden Momente – es durften nur bestimmte USB-Sticks sein, mit denen ich die Daten vom Mac zu Linux transferiert habe. Die neueren mit viel Kapazität lassen sich nämlich nicht mehr so formatieren, dass man sie zuverlässig an beiden Computern verwenden kann, in meinen (unsystematischen) Tests waren 8 Gigabyte die nutzbare Grenze. Größere Sticks waren immer nur an einem der Rechner zu gebrauchen, egal mit welchem Dateisystem ich sie formatiert hatte.

Lektüre-Notizen

In den zurückliegenden paar Wochen habe ich außerdem noch ein bisschen was anderes gelesen:

Michael Herrmann, „Die Ferien des Dr. Tulp“
Ausdrücklich als Reaktion auf meinen Lyrik-Artikel flatterte mir Dr. Tulp ins Haus – ein herzlicher Dank an die Gestalter des originell-ist-noch-untertrieben-en Bändchens!
Im Begleitschreiben hieß es, man sei gespannt, wie es bei mir ab- bzw. aufschneidet. Letzteres habe ich mich aber noch nicht zu tun getraut, denn dann ist der Charme ja weg. Es handelt sich hier nämlich um hermetische Lyrik weniger im semantischen als vielmehr im buchbinderischen Sinne – einfach mal durchblättern, wenn ihr irgendwo ein Exemplar findet, ihr versteht dann schon, was ich meine … Was sich unter erschwerten Bedingungen erfassen lässt, ist allerdings auch auf der Textebene durchaus nicht unmittelbar zugänglich, oder zumindest gelang es mir als lyrischem Laien nicht, den roten Faden zu lokalisieren, den die äußere Form mich erwarten ließ. Nun gut, der Subtitel verheißt schließlich Bruchstücke, und davon sind ein paar wirklich schöne dabei. Definitiv ein sehr anregendes Buch, auch wenn es sich gegen seine Nutzung ein bisschen sperrt.

Michael Bittner, „Wir trainieren für den Kapitalismus“
Direkt nach einer Autorenlesung auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig gekauft. Der Einband gefällt mir für ein Softcover ausnehmend gut – drucktechnisch schön gemacht mit den Schleimspuren. Allerdings beziehen die hier versammelten teils lebensnahen, teils over-the-top-absurden Kolumnen ihren Reiz zu nicht unerheblichem Teil aus den Vorleser-Qualitäten des Autors; wenn man sie nur selbst liest, sind sie mehrheitlich nicht ganz so unterhaltsam.

Jeffrey Archer, „Berg der Legenden“
Deutsch von Maria Poets. Diese Story ist in ihren Grundzügen jedem, der sich für Alpinismus interessiert, bereits vertraut – es ist die Geschichte von George Mallory, der 1924 beim Versuch, den Mount Everest zu besteigen, ums Leben kam. Weil ich also das Ende ohnehin kannte, habe ich die letzten 30 oder 40 Seiten zuerst gelesen und fand sie recht berührend geschrieben. Danach habe ich vorn angefangen, bin aber ziemlich schnell dazu übergegangen, nur noch diejenigen Passagen zu lesen, in denen es um gesicherte Fakten geht – ich glaube, ich bin einfach nicht die Zielgruppe für belletristische Biografien, bei denen ich nicht erkennen kann, was historisch authentisch ist und was der Fantasie des Autors entspringt.

National Geographic Magazine, May 2014
Dieses Heft ist ja jeden Monat aufs Neue lesenswert, aber im Mai war dann noch ein bisschen was besonders: Das enthielt den Auftakt-Artikel zu einer Serie zum Thema „Feed the World“ – wie ernährt man eine Weltbevölkerung, die in den nächsten paar Jahrzehnten nochmals um die eine oder andere Milliarde Menschen zunimmt? Das Sujet wird uns wohl übers ganze Jahr begleiten, und auch für Nichtabonnenten zugänglich ist die supplementäre Website natgeofood.com, auf der sich massig zusätzliche Informationen und lesenswerte Reportagen finden.

Oh, es ist noch ein bisschen Platz auf der Seite! Dann ergänze ich sie mal eben, auch wenn es eigentlich nicht zum Thema passt, durch mein Flausch-du-jour-Foto. Die Kohlmeisenbabys haben sich nämlich heute auch erstmals dem Tageslicht ausgesetzt:

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Fragen

Gestern fragte Felix Schwenzel ins Internet, warum eigentlich so viele Leute über Kommunikationstechnik, aber so wenige über Küchenutensilien schreiben, und nannte als mögliche Antwort die langen Innovationszyklen im zweiten Bereich. Ob die Beobachtung zutrifft, kann ich zwar nicht beurteilen – ich suche weder zu Küchen- noch zu TK-Technik häufig nach Informationen (im einen Fall mangels Notwendigkeit, im anderen mangels Interesse), aber wenn doch, dann finde ich zu beidem mehr, als ich jemals lesen möchte. Allerdings hat der als werblich gekennzeichnete Text mich als Freund der gepflegten Küchenmetapher tüchtig ins Grübeln gebracht:

Der erste Herd, an den ich mich erinnern kann, hatte noch keine eingebaute Zeitschaltuhr, und der Kühlschrank damals war bestimmt noch nicht FCKW-frei. Aber im Prinzip hat beides in meiner Kindheit genauso funktioniert wie heute. Die Bauteile unserer Küchenmaschine lassen sich wie selbstverständlich – und ohne vorheriges Firmware-Update – auch an 50 Jahre alten Exemplaren dieses Typs betreiben. Und die Mühle, in die ich allmorgendlich die Kaffeebohnen fülle, habe ich weitestgehend baugleich auch schon in einem Freilichtmuseum über bäuerliches Leben im 19. Jahrhundert gesehen. Gut, die Mikrowelle kann als Innovation durchgehen; aber von deren Relevanz fürs Kochen legt bei uns ihr Stammplatz im Keller beredt Zeugnis ab …

Seit Generationen bewährte Technik, aufs Wesentliche reduziert und geradlinig in der Bedienung – Werkzeuge, die der Befriedigung elementarer Bedürfnisse dienen, sollten immer so sein. (Und dann gibt es außer Manufactum-Poesie wenig darüber zu schreiben – auch das mag ein Grund für die eingangs erwähnte Beobachtung sein.)

Wenn wir nun auch das Internet als existenziell notwendig betrachten wollen – wovon ich noch nicht überzeugt bin, aber mit dieser Skepsis vertrete ich vermutlich eine Minderheitenmeinung –, dann müssen wir konstatieren, dass die Werkzeuge zu seiner Nutzung von diesem Anspruch kaum weiter entfernt sein könnten. Dass die Dinge genauso funktionieren wie schon damals bei Oma, kann man hier naturgemäß nicht erwarten; aber davon abgesehen frage ich mich, ob bei vernetzten Geräten eine Reduktion aufs Wesentliche überhaupt möglich ist, ohne die Nutzer zu entmündigen.

Aktuelle PC- und Mobilbetriebssysteme sind vordergründig ja schon sehr reduziert: Noch das Zeitaufwendigste bei der Inbetriebnahme ist das erstmalige Laden des Akkus. Web-Zugang, E-Mail-Postfach und vollständig synchronisiertes Adressbuch sind in kürzester Zeit verfügbar, ohne dass man auch nur einen Gedanken an all die Standards, Protokolle und Zertifikate zu verwenden hätte, die im Hintergrund zu berücksichtigen sind. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass die Daten, mit denen ich hier hantiere, nicht mehr meiner Kontrolle unterliegen: Damit all die Vernetzung reibungslos klappt, muss ich die Hoheit über meine Informationen aufgeben; es entzieht sich zwangsläufig meiner Kenntnis, wer wann auf welche Inhalte zugreift, ich weiß nur: Im Prinzip kommt fast jeder dran, der gern möchte.

Sobald ich versuche, auf einem modernen, vernetzten Gerät Dinge privat zu halten, wird es kompliziert – wer mal GPG installiert oder versucht hat, ein Smartphone-Telefonbuch ohne Cloud-Dienste zu aktualisieren, weiß, was ich meine. Mehr noch: Ich muss mich möglichst permanent darum bemühen, meine technischen Kenntnisse auf der Höhe der Zeit zu halten, weil viele der Standards, Protokolle und Zertifikate fast ebenso atemlose Innovationszyklen haben wie die Geräte, auf denen sie implementiert sind.

Ist es vorstellbar, dass das mittelfristig anders wird? Ist es bei einem so hochkomplexen System wie dem Internet überhaupt möglich, niedrigschwelligen Zugang und Nutzer-Autonomie zu kombinieren? Und falls nicht: Sollten wir es dann nicht tunlichst vermeiden, einem System, das sich selbst unserem Einfluss weitestgehend entzieht, signifikante und immer noch umfassendere Bedeutung in unserem Alltag einzuräumen?

Gelesen: Steven Uhly, „Glückskind“

Aber vielleicht ist es auch eher so, dass sie unterschiedliche Formen gefunden haben, demselben Gott zu dienen. Und welcher Gott wäre das, denkt Hans. Er müsste ja sterblich sein, um so viel zu verstehen von uns Menschen.

Es sind wirklich unkonventionelle Gottes-Dienste, um die es in diesem wunderschönen Roman geht. Sie werden nicht in Kirchen und Tempeln zelebriert, sondern in einer Wohnung im fünften Stock, die zu Beginn wie eine Müllhalde aussieht, im Hinterzimmer eines Lotto-Toto-Ladens und im Besuchsraum einer Justizvollzugsanstalt.

Am Ende der Geschichte werden Menschen aus den unterschiedlichsten Notlagen gerettet worden sein, auch solche, die zu Beginn noch gar nicht wussten, dass sie in Not sind. Und davon zu lesen war eine besondere Freude, denn Steven Uhly ist ein hoch begabter Erzähler. In schlichter, feiner Prosa, ohne ein einziges überflüssiges Wort entwickelt sich die Handlung geradlinig im Präsens, vereinzelt schlagen raffiniert eingestreute Absätze im Perfekt oder Futur elegante Volten. Bewunderungswürdig auch, wie kurz vor der Klimax noch einmal das Tempo gedrosselt wird, indem ausgerechnet eine kurze Phase schneller Fortbewegung über mehrere Seiten hinweg beschrieben ist, und wie sich der allwissende Beobachter einige wenige Male zurücknimmt, um einzelne Handlungsmotive im Ungewissen zu lassen. Dem Epilog schließlich gelingt es, auf kleinstem Raum alle Stränge nochmals aufzunehmen und, nein, nicht zu einem Ende, aber doch solcherart zusammenzuführen, dass ich das Buch tief in der Nacht mit einem rundum warmen Gefühl beiseite gelegt habe.

Ebenso begeisternd wie der Inhalt ist auch die Form: Erschienen ist „Glückskind“ im Zürcher Secession Verlag, der eine Reihe außergewöhnlich schöner Bücher im Programm hat. Feine Typografie, edles Papier, sorgfältige Herstellung – an diesem Band stimmt einfach alles. Nicht zuletzt die Präzision des Korrektorats: Patrick Schär hat hier Beeindruckendes geleistet; ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einen Roman dieses Umfangs gelesen habe, ohne über zumindest einen Vertipper gestolpert zu sein*.

Eine anrührende Geschichte, mit höchster handwerklicher Kunstfertigkeit erzählt: „Glückskind“ war ein echter Glücksgriff.

* Tatsächlich glaubte ich zwischendurch, einen Kommafehler erspäht zu haben, aber als ich hinterher das reformierte Regelwerk konsultierte, sah ich: Einen erweiterten Infinitiv durch Komma abzutrennen[,] ist neuerdings sogar dann erlaubt, wenn die gesamte Infinitiv-Gruppe das Subjekt des Satzes bildet. Eine dieser ärgerlichen Fehlentscheidungen der Rechtschreibreform: Es gibt keine rationale Rechtfertigung für einen Satz der Form Subjekt-Komma-Prädikat-Objekt, aber weil es früher fast alle falsch gemacht haben, ist jetzt das Falsche richtig.

Flausch am Morgen

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Neunzehn Tage nach dem ersten vernehmlichen Piepsen war es heute früh so weit: Die Blaumeisen-Eltern lockten ihren Nachwuchs aus der Höhle.

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Die Lütten bei ihren ersten flattrigen Flügen zu beobachten war ein herrliches Schauspiel. (Das sich leider nicht fotografieren ließ, denn das war selbst bei den sitzenden Tieren mit lichtschwachem 600er und Manuellfokus noch knifflig genug.)

Eine Messe nur für Aussteller

Da ich gelegentlich gefragt werde, warum ich meinen Xing-Account wieder gelöscht habe:

Ja, es ist unter den sozialen Netzwerken eines der sympathischeren und hat zumal für Selbstständige einige interessante Möglichkeiten. Was ich mir an berufsspezifischen Gruppen angeschaut habe, namentlich das Forum „Lektorenaustausch“, das hat mir gut gefallen. Dennoch überwiegen für mich die Nachteile, insbesondere im Bereich der Privatsphäre:

So ist es nicht möglich, sich innerhalb des Netzwerks zu bewegen und beispielsweise Profile anderer Nutzer anzuschauen, ohne sich dabei selbst zu erkennen zu geben, und umgekehrt wird jeder Xing-Nutzer über alle Besucher seiner Profilseiten informiert. Aus dem Umstand, dass die erweiterten Besucher-Infos besonders offensiv als Argument für ein Bezahl-Konto beworben werden, schließe ich, dies sei ein besonders attraktives Feature. Ich finde es im Gegenteil besonders abschreckend.

Warum? Nun, stellen wir uns für einen Moment vor, die Leipziger Buchmesse sei reglementiert wie Xing. Dann wäre jeder Besucher gezwungen, während des gesamten Aufenthalts ein Schild mit Name und Kontaktdaten um den Hals zu tragen. Wer damit nicht einverstanden ist, darf nur von außen durch die Glaswände schauen und kann überhaupt nichts erkennen. Somit wird das Informations-Ungleichgewicht zwischen Besuchern und Ausstellern aufgehoben oder anders: Jeder Besucher ist immer auch Aussteller, ob er das will oder nicht.

Aus Sicht der regulären Aussteller ist das zumindest vordergründig prima. Aus Sicht der Besucher weniger. Denn bei einer ersten Suche nach Informationen lässt es sich oftmals unbefangener agieren, wenn der Informationsanbieter noch nicht über persönliche Kenntnisse des Interessenten verfügt: Details über mich selbst gebe ich als Interessent dann erst preis, wenn ich das Gefühl habe, dass dieser Kontakt nützlich sein kann. Das ist meines Erachtens sogar im beidseitigen Interesse: Eine Kontaktanbahnung, die letztlich im Sande verläuft, lässt sich leichter wegstecken, wenn noch keine persönliche Basis geschaffen wurde.

Nicht zuletzt deshalb betreibe ich auf meinen Websites keinerlei Analytics-Werkzeuge: Ich finde es gut und richtig, dass in solchen Kontexten eine gewisse Asymmetrie zwischen Anbietern und Interessenten von Informationen besteht. Ein Mindestmaß an Anonymität muss auch im öffentlichen Raum möglich bleiben, und für Plattformen, die mir Postprivacy aufnötigen, habe ich keine Verwendung.