Etwas andere Lektüreempfehlung

Abreißkalender? Sind an sich nichts, was die Menschheit dringend bräuchte. Dieses Jahr haben wir erstmals trotzdem einen, und zur Halbzeit lässt sich konstatieren: Der hat sich bewährt. Es ist nämlich ein Sprachkalender:

Sprachkalender

Für uns ist es die französische Variante – das ist bei beiden Lütten die zweite Fremdsprache, und die Erwachsenen hatten es auch in der Schule, ohne dass wir seither regelmäßig Gelegenheit zum Üben hatten. Während zum Lesen französischer Nachrichten- und Medienseiten die Zeit meist nicht reicht, ist für diese tägliche Dosis nahezu immer Raum, und man schnappt oder frischt dabei nicht nur die eine oder andere Vokabel auf, sondern erfährt auch meist was Interessantes über Land und Leute, Politik, Kultur und Geografie. Bei Langenscheidt gibt es das auch auf Italienisch, Spanisch und in diversen Englisch-Varianten – gute Sache.

Gelesen: Birgit Vanderbeke, „Ich sehe was, was du nicht siehst“

Während sich derzeit Die Philosophie des Radfahrens mit einem Sammelband von und über Ryszard Kapuscinski wie beim Mannschaftszeitfahren im Etappenlesen abwechselt, habe ich rasch ein schmales Bändchen dazwischengeschoben und es nicht bereut. In „Ich sehe was, was du nicht siehst“ geht eine Frau mit ihrem Kind erst nur ein bisschen weg und dann richtig, man weiß am Anfang gar nicht so genau, warum, dann ist sie also woanders und muss sich erst zurechtfinden, und davon erzählt sie in diesem atemlos-beiläufigen Stil, den ich so sehr liebe, mit ganz vielen Kommas da, wo man eigentlich Punkte erwarten würde. Zwischendurch schreibt sie immer wieder wundervolle Sätze wie wenn man Angst hat, ist man von hinten gehetzt und von vorne vernagelt oder Es war sehr viel Himmel auf einmal, und ich dachte, hinterm Haus ist wahrscheinlich auch noch welcher, und irgendwann ist sie dann so was ähnliches wie angekommen, und das Buch ist vorbei und es war sehrsehr schön.

Versucht zu lesen: „Die Philosophie des Radfahrens“

Dieser Band sprang mich am Leipziger Messestand von Mairisch an (einem sympathischen kleinen Verlag für Les- und Hörbares mit solchen Perlen wie Finn-Ole Heinrich und Spaceman Spiff im Programm) und bettelte erfolgreich darum, von mir gekauft zu werden – nicht nur mit seinem unwiderstehlichen Titel, sondern auch mit einer optisch wie haptisch ungemein ansprechenden Cover-Gestaltung.

Vor einigen Tagen war es nun im Stapel neben dem Bett ganz nach oben gewandert, und seither versuche ich die vielen Texte zu den unterschiedlichsten Aspekten des Zweiradfahrens zu lesen. Leider kann ich anfangen, wo ich möchte – nach zwei bis drei Seiten ist für mich immer Schluss mit dem Lesevergnügen, und das liegt an der Typografie.

Zwar kann ich den verwendeten Lauftext-Font nicht aus dem Stegreif benennen, aber ich kann ziemlich genau sagen, was mich daran stört: Das Verhältnis von Höhe und Breite der einzelnen Buchstaben sowie die minderstarke Ausprägung von Ober- und Unterlängen sind der Lesbarkeit massiv abträglich.

Konkret sieht das so aus (Unschärfe links liegt am Scan):
philorad
Für mein Empfinden sieht diese Schrift aus wie unter die Dampfwalze gekommen, und das ist kein rein ästhetisches, sondern sehr wohl ein funktionales Problem. Denn zwar sieht das Gesamtbild der Seite, von weitem betrachtet, sehr ruhig aus, was dem vergleichsweise homogenen Weißraum zwischen den Zeilen geschuldet ist. Beim Lesen aber fehlen die Anhaltspunkte, die durch ausgeprägte „Extremitäten“ der einzelnen Buchstaben gewährleistet sind, und dadurch ist deutlich mehr Konzentration gefordert als normal.

Im direkten Vergleich mit einer Garamond, die bei gleicher Gemeinenhöhe ebenso breit läuft wie die verwendete Typo, sieht man die Unterschiede bei Ober- und Unterlängen sehr deutlich:
Typeverg
Nun höre ich schon den Einwand, eine Garamond sehe man aber an jeder Ecke. Worauf zu erwidern wäre: Und zwar aus gutem Grund – die kann man wenigstens schmerzfrei lesen. Es muss auch nicht immer die Garamond sein, aber für Brotschriften sollte man sich eben eher am Nützlichen denn am Ästhetischen orientieren. Das Rad muss ja auch nicht alle drei Wochen neu erfunden werden – und wenn man es doch tut, sollte man zumindest die Grundform beibehalten, wenn es rund laufen soll.

Ich werde die „Philosophie des Radfahrens“ sicherlich dennoch zu Ende lesen, denn das Thema interessiert mich doch allzu sehr. Allerdings bin ich darauf gefasst, doppelt so lange zu brauchen wie für ein konventionell gesetztes Buch gleichen Umfangs. Nun denn, auch die Philosophie des Zufußgehens hat ihren Charme …

Gelesen: David Quammen, „Spillover“

Zahlreiche Seuchen, die in den letzten Jahren weltweit für Schlagzeilen sorgten, sind Zoonosen – Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übergesprungen sind. Doch wie und unter welchen Bedingungen kommt es dazu? Und welche Faktoren müssen ineinandergreifen, damit ein Erreger mit zuvor räumlich eng begrenztem Wirkungsbereich sich zur Pandemie entwickeln kann? – Thriller zu diesem Themenkomplex gibt es einige, allerdings spielen sie meist auf der Klaviatur der Angst, sind reißerisch und effektheischend. Nicht so „Spillover“. Das ist zwar auch irrsinnig spannend, gleichzeitig aber ausgesprochen informativ und geeignet, Ängste und Vorurteile abzubauen – denn formal ist es kein Sci-Fi-Horror-Roman, sondern eine Wissenschaftsreportage.

Ein typischer Quammen eben – ihn schätze ich seit „Song of the Dodo“, einem faszinierenden Schmöker über Biogeografie, dafür, dass er auch komplexe wissenschaftliche Sachverhalte ebenso sprachgewandt wie verständlich darstellen kann. Ob „Monster of God“ über den Mythos Menschen fressender Raubtiere oder seine zahlreichen Artikel im National Geographic Magazine – man wird stets bestens unterhalten und hat hinterher eine Menge gelernt.

Dieses Mal habe ich ihn erstmals nicht im Original gelesen und war anfänglich ein bisschen skeptisch, aber die Übersetzung von Sebastian Vogel liest sich durchweg angenehm, mein nicht deaktivierbares Erbsenzähler-Modul hatte fast nichts auszusetzen :-)

Postscriptum: Kaum 12 Stunden nach dem Abfassen dieses Artikels höre ich in der Tagesschau vom erstmaligen Auftreten des Ebola-Virus in Westafrika – erschreckende Aktualität …

Messe unter Strom

Wozu diese E-Books überhaupt gut sind, das habe ich auch hier nicht herausfinden können … Aber davon abgesehen war Deutschlands, wenn nicht Europas* erste Messe für elektrische Bücher am vergangenen Samstag in Berlin eine spannende, informative Sache.

Die Sinnfrage stellte sich ansatzweise übrigens gleich zu Beginn, während eines Tischgesprächs über die diversen (epub-)Formate. Was ich dabei aufgeschnappt habe: Containerformate, in Abgrenzung zu browserlesbaren Produkten, braucht man eigentlich nur, so lange man noch nicht überall Internet-Zugang hat (Stichwort: Warten auf Googles WLAN-Drohnen …) und weil man den Verlagen gern eine einzeln verkaufbare Verpackungseinheit an die Hand geben möchte. Das hätte ich ja gern noch ein bisschen weitergedacht, aber da war dieser Programmpunkt im extrem straffen Zeitplan schon zu Ende, Schnitt, Themenwechsel.

Diese Atemlosigkeit zog sich denn auch durch – dass das extrem ambitionierte Programm kaum Zeit zum Luftholen oder Nachfassen ließ, war das Einzige, was mich an der Veranstaltung störte. (In den Notizen der offiziellen Messebeobachterin Kathrin Passig lassen sich auch ein paar andere unrunde Kleinigkeiten nachlesen, aber die machten für mich eher einen Teil des Charmes aus.) Insbesondere für einen Erstling lief die Sache jedenfalls bemerkenswert glatt.

Letztlich habe ich doch lieber ein paar interessante Programmpunkte zugunsten individueller Gespräche sausen lassen, denn vor allem dafür war ich nach Berlin gefahren. Und dabei hat sich im Wesentlichen mein Eindruck aus den bisherigen Projekten verstärkt, dass die Produktion eines E-Books in einer möglichst frühen Phase von der Gestaltung des gedruckten Buchs abgekoppelt werden sollte. Denn ganz offensichtlich ist es heute noch nicht möglich, den Text aus einem druckreifen, womöglich komplex layouteten PDF so zu extrahieren, dass er sich ohne umfangreiche manuelle Nachbearbeitung für alle relevanten Lesegeräte am Markt aufbereiten lässt. (Wenn man ausschließlich Enhanced-Gedöns für Retina-iPads produziert, ist alles total easy, hab ich mir am Samstag sagen lassen. Aber will man das?) Weshalb meine Idealvorstellung für zweigleisige Produktion zukünftig ist, das Korrektorat möglichst vollständig im Rohtext durchzuführen und erst den fertigen Text in zwei separate Workflows zu überführen. Noch zu prüfen bleibt, inwieweit es für meine Zwecke sogar sinnvoll ist, LaTeX als Zwischenstufe zu integrieren und von dort (statt wie meist von .doc aus) in die beiden Produktionsstränge zu splitten. – Ist natürlich auch immer eine Kostenfrage: Wenn der On-Demand-Anbieter die Konvertierung ohne Aufpreis anbietet, dann muss der Kunde erst mal die Notwendigkeit sehen, zur Vermeidung bestimmter Probleme etliche Euro extra auszugeben …

Ein Gedanke noch: Auf einem ebenfalls viel zu kurzen Panel zum Thema Big Data sprach René Kohl das gerade neu vorgestellte Amazon-Smartphone an. Das ist ein Gerät, das, wenn ich es auch zum Konsum von E-Books nutze, in der Lage ist, meine Mediennutzung und meine Kommunikation miteinander ins Verhältnis zu setzen: Es registriert, mit wem ich telefoniere oder chatte, nachdem ich ein bestimmtes Buch gelesen habe, und versucht daraus Schlüsse zu ziehen. Das ist doch pervers?! Ich war ja bislang der Ansicht, dass angesichts von Tablets weltweit vielleicht 150 Leute blöde E-Ink-Lesegeräte wirklich brauchen – wann ist man schon mal wochenlang abseits jeglicher Steckdose? Aber wenn man denn tatsächlich der Meinung ist, seine Bücher an einem Bildschirm lesen zu müssen statt auf Papier, dann ist es wohl keine schlechte Idee, das zumindest mit einem Gerät zu machen, das nicht auch noch Zugriff auf meine Mails und mein Telefonbuch hat …

* da waren sich die Organisatoren selbst nicht sicher

Wie zu erwarten war

Die Konsultation zum Jugendmedienschutz, von der ich euch vor einiger Zeit berichtet habe, hat ihre Kommentar-Pforten geschlossen, aktuell bedankt man sich für die engagierte Beteiligung und verweist vorläufig auf die Auswertung der ersten Beteiligungsphase (PDF). Aus diesem Dokument geht, soweit ich den entfernt sprachähnlichen Buchstabensalat entwirrt bekomme, im Wesentlichen hervor: An dem Dogma, Jugendschutz im Internet sei primär durch Filterprogramme zu gewährleisten, soll auf keinen Fall gerüttelt werden, es bleibt vielmehr nur noch zu diskutieren, welcher Zensurtechnik-Anbieter welchen Anteil aus den Fördertöpfen bekommt.

Dass während der Konsultation eine Vielzahl teils sehr fundierter Einwände gegen technische Lösungssimulationen der Problematik erhoben wurde, wird in der Auswertung in einem Halbsatz erwähnt und inhaltlich vollkommen ignoriert. Daher mein Verbesserungsvorschlag für die zweite Phase der Konsultation: das Eingabefeld für Benutzerkommentare zur optimalen Verständlichkeit mit einem Papierkorb-Symbol versehen …

Die letzte Bastion der Vernunft

Einmal mehr haben wir dem BundesverfassungsgerichtBundesgerichtshof (danke fürs Aufpassen, Gero) zu danken: Kein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms. Wäre auch übel gewesen, wenn sich gewisse krankhaft menschenfeindliche Tendenzen in der Versicherungswirtschaft, die uns – vorgeblich unserer Gesundheit zuliebe – per Blackbox im Auto und Fitness-App auf dem Smartphone am liebsten die Totalüberwachung in jeder Lebenslage bescheren würden, nun auch in dieser Hinsicht durchgesetzt hätten …

Man beachte übrigens auch den letzten Satz der BGH-Mitteilung: „Inwieweit in Fällen sportlicher Betätigung des Radfahrers das Nichttragen eines Schutzhelms ein Mitverschulden begründen kann, war nicht zu entscheiden.“ Das Urteil bezieht sich also ausdrücklich aufs Alltagsradeln, nicht hingegen auf Sport und Extremeres. Seh ich ja auch so.

Auch im Umkehrschluss übrigens – weshalb man mich, seit mein Lütter Spaß am Mountainbiking hat und wir zusammen auf holprigen Singletrails Dinge tun, die ich mir solo-tourend normalerweise verkneifen würde, auch gelegentlich wieder helmtragend antreffen kann (und sei es nur als Kratz-Schutz vor tiefhängenden Ästen), während die Schüssel im Stadt- und Alltagsverkehr weiterhin daheim bleibt.

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Folgenreiches, folgenloses Jahr

[Hier hätte laut meiner gestrigen Planung etwas zum ersten Jahrestag der Snowden-Leaks stehen sollen. Aber das wäre auch nur die Langfassung dessen geworden, was ich heute früh, leicht desillusioniert, hier bei ben_ druntergeschrieben habe.]

Der Vollständigkeit halber: Von den aktuell 89 Keys in meinem GPG-Schlüsselbund sind nur zwei oder drei im Lauf der zurückliegenden 365 Tage hinzugekommen. Spricht aus meiner Sicht nicht für ein signifikant gesteigertes Bewusstsein für die Problematik nicht oder nur unzureichend verschlüsselter elektronischer Kommunikation …