Dieses Social Readingens

Ich kann mich noch gut an meine spontanen Gedanken erinnern, als ich zum ersten Mal von Sobooks hörte, es war während der Frankfurter Buchmesse 2013: Ein Buch, das zugleich Schnittstellen in die sozialen Netzwerke hat, muss wohl Minderwertigkeitskomplexe haben. Ein Jahr später nun ist die Plattform für jedermann nutzbar gestartet, und natürlich schaue ich sie mir aus der Nähe an.
sobooks

Zu diesem Zweck soziallese ich zuerst mal „Das Neue Spiel“ von Michael Seemann alias mspr0, der nachfolgenden Generationen, die ihr Wissen womöglich zuvorderst aus Suchmaschinen beziehen, vermutlich als Erfinder des Wortes Kontrollverlust gelten wird. Und dabei stelle ich fest, dass die Möglichkeit, direkt auf Kommentare anderer Nutzer zuzugreifen, bei Sachbüchern und Texten, die geeignet sind, kontroverse Diskussionen anzustoßen, gar nicht mal dumm ist: Etwaige faktische Fehler bleiben, hinreichend große Leserbasis vorausgesetzt, nicht lange unentdeckt, und ihre Korrekturen können dem Buch unmittelbar hinzugefügt werden, ohne in den Originaltext einzugreifen.

Einschub
Diese Funktion stellt die Arbeitsqualität von Autoren ebenso wie von Lektoren in einem Maß unter öffentliche Beobachtung, das bis vor kurzem nicht vorstellbar war – nichts für schwache Nerven …
Ende Einschub

Dass die Beschäftigung mit Kommentaren zumindest für mich den Lesefluss deutlich hemmt, steht auf einem anderen Blatt. Man kann zwar die Kommentaransicht ausschalten (beim Lesen auf dem Tablet muss man es sogar, weil zumindest im Hochformat nicht Text und Kommentar gleichzeitig auf die Seite passen), aber so ein auffälliges rotes Bapperl, das mir anzeigt, wie viele Kommentare es auf der aktuellen Seite gibt, bleibt immer sichtbar. Und wenn da eine Zahl >0 steht, zuckt es halt schon im Finger, gleich mal zu schauen. Hier wäre wünschenswert, temporär auf eine strikte text-only-Darstellung umschalten zu können.

Aber gut, das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, siehe auch blog.sobooks.de/am-start, da passiert bestimmt noch einiges. Aus meiner buchgestalterischen Perspektive am dringendsten wäre, dass mal jemand auf die typografische Darstellung schaut, denn eine Kombination aus Flattersatz und augenscheinlich aztekischem Regelwerk gehorchender Silbentrennung kann weder sprachlich noch ästhetisch überzeugen:
silbtrenn

Ansonsten ist das Ganze schon recht gut handhabbar, wenn man davon absieht, dass das Blättern am Laptop mit Wischgesten nur runter und rückwärts, nicht aber zur nächsten Seite funktioniert. Sie ist halt rein haptisch so gar nicht mein Ding, diese elektronische Buchsimuliererei, und bei Prosa oder Lyrik würde ich auf keinen Fall die Anmerkungen anderer Leser unmittelbar zugänglich haben mögen … Aber wie gesagt: Für kontroverse Sachtexte scheint mir diese Form wirklich brauchbar zu sein, wenn man sich als Leser denn darauf einlassen möchte. Zumindest in dieser Frühphase – spannend wird es, wie es in einem Sobook aussieht, das sich schon fünf Jahre lang reger Leserbeteiligung erfreut.

Und ob ich beim „Neuen Spiel“ viel weiter als bis aktuell Seite 78 kommen werde, weiß ich auch noch nicht. Es ist da halt wie immer mit Akteuren aus dem Dunstkreis der öffentlichen Zwangsdarmspiegelung für jedermann Postprivacy-Heilslehre: Die Analysen sind überwiegend treffsicher, aber bei den Schlussfolgerungen wird es haarsträubend. Zum Testen einer Plattform, bei der man sich als Leser so nackich macht wie bei Sobooks, ist es andererseits genau die richtige Lektüre :-)

Kunst und Musik zwischen Küste und Metropole

Zwischendurch ein kleiner Veranstaltungshinweis*:

Meine Lieblingsgalerie in Oetjendorf, auf halber Strecke zwischen Hamburg und Ostsee in the middle of nowhere, zeigt ab 2. November Bilder von Jörn Diederichs und Skulpturen von Lutz Hellmuth. Und damit möglichst alle Sinne gereizt werden, gibt es zur Vernissage Klaviermusik und vierzehn Tage später ein ausgewachsenes Kammerkonzert, beide im Rahmen des Projekts MusikERkennen der Musikhochschule Lübeck.

Weder von der Musik noch von der bildenden Kunst bin ich an diesem schönen Ort jemals enttäuscht worden – ganz im Gegenteil. Wer unter der geschätzten Leserschaft also das südöstliche Schleswig-Holstein an einem der kommenden Novembersonntage im Aktionsradius hat, macht mit einem Besuch in Oetjendorf sicher nichts falsch.

* ohne familiäre oder finanzielle Verflechtungen, rein der Sympathie geschuldet

Sondern für die Schule

Seneca wusste es damals schon: Non vitae, sed scholae discimus, wir lernen nicht fürs Leben, sondern für die Schule. Während der lateinische Spruch zumeist in sein idealistisch-programmatisches Gegenteil verkehrt die Jahrhunderte überdauerte, ist die Originalfassung in Zeiten von G8 [1] aktueller denn je. Sicherlich wäre es möglich gewesen, Inhalte sinnvoll zu straffen und zu entschlacken, um in begrenzter Zeit relevantes Wissen zu vermitteln; in der gymnasialen Realität 2014, wie sie sich einem Vater zweier Mittelstufenschüler präsentiert, sehen die Lehrpläne eher aus, als sei da jemand mit der Kettensäge Amok gelaufen.

Beispiel Naturwissenschaften: Weil nicht mehr genug Zeit für durchgängig Physik, Chemie und Biologie ist, hat man alles nur noch halbjahresweise. Dann vergisst man den Stoff für ein Jahr oder anderthalb, und danach geht es weiter. Dass die Naturwissenschaften zahlreiche Berührungspunkte untereinander und auch mit der Mathematik haben, böte wunderbare Möglichkeiten für kontinuierlichen Unterricht, der frühzeitig inspirierende Zusammenhänge erläutern könnte. Stattdessen: jedes Fach eine Insel, Fährverbindungen Fehlanzeige.

Von Zusammenhängen wimmelt es auch in Geschichte und den verwandten Disziplinen. Wo, wenn nicht hier, ließe sich nachhaltig vom & fürs Leben lernen? Doch auch hier hetzt man im Schweinsgalopp durch die Epochen, statt gelegentlich einen Schritt zurückzutreten und Blicke aufs Ganze zu riskieren. Da wird das gesamte 19. und 20. Jahrhundert bröckchenweise in Einzelreferate aufgeteilt, ein Schüler schreibt den Wikipedia-Eintrag zum Kolonialismus ab, der nächste den zum Imperialismus, der dritte recherchiert das Schlagwort „Sarajewo“, und am Ende hat keiner begriffen, wie das eine mit dem anderen verwoben ist oder was all das mit der Gegenwart zu tun haben könnte. Derweil gilt die Existenz einer Mineralwassermarke namens Bismarck als hinreichender Beleg für einen bis heute andauernden Reichskanzler-Kult; Fragen nach ganz anderen Kulten drängen sich auf …

Am schlimmsten finde ich allerdings, was ich derzeit aus dem Deutschunterricht mitbekomme (und was dort ausdrücklich nicht den engagierten Lehrerinnen angelastet sei): Unsere Siebt- und Neuntklässler mussten gerade beide Satzglieder pauken bis zum Umfallen, um Modal-, Kausal-, Konsekutiv- und Konzessivsätze auseinanderhalten zu können. Wozu das denn bitte, und gleich zwei Mal? Seit nunmehr fast 20 Jahren ernähre ich mich davon, etwas von Sprache zu verstehen, und das eine ist mir dabei immer deutlicher geworden: Grammatik braucht kein Mensch. Gebt Kindern und Jugendlichen Bücher, und gebt ihnen genug Zeit, sie zu lesen – das ist neben dem Sprechen die entscheidende Basis für die Fähigkeit, sich klar und fehlerarm sprachlich artikulieren zu können. Aber bitte raubt ihnen nicht ihre ohnehin knapp bemessene Zeit mit dem stumpfen Auswendiglernen bedeutungsloser Vokabeln wie Relativpronomen und adverbiale Bestimmung!

[1] Auch ein Ärgernis: Die nominell um ein Jahr verkürzte Gymnasialzeit ist dank dünnster Personaldecken und entsprechend häufiger Ausfälle, wo wir noch Vertretungsstunden kannten, effektiv eher G6komma5.

Gelesen: Richard Dawkins, „Die Schöpfungslüge“

Dass The Greatest Show On Earth in der deutschen Fassung so einen krawalligen Titel bekommen hat, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass man im deutschen Sprachraum nicht auf die Zugkraft des Autors allein vertraute, sondern gern an den Erfolg des unmittelbaren Vorgängers „Der Gotteswahn“ anknüpfen wollte. Das ist allerdings ein bisschen unfair, denn anders als The God Delusion ist „Die Schöpfungslüge“ keine mit allzu viel Schaum vor dem Mund verfasste Streitschrift, sondern ein wunderbar schlüssig argumentiertes Sachbuch, bestens geeignet, verbreitete Missverständnisse im Zusammenhang mit der Evolution aus der Welt zu schaffen. Nur wenn gelegentlich die Rede auf den Kreationismus kommt, meint man dem Text gewisse Blutdruckschwankungen seines Verfassers anmerken zu können, aber schwerpunktmäßig geht es um spannende naturwissenschaftliche Fakten, und die werden ebenso kenntnisreich wie eloquent präsentiert – und sie sind, was bei mir ja immer Bonuspunkte gibt, auch ziemlich sorgfältig redigiert worden.

Für mein Empfinden jedenfalls gehört „Die Schöpfungslüge“ neben Ernst Mayrs „Das ist Evolution“ und so ziemlich allem von Edward O. Wilson auf die Leseliste jedes einschlägig interessierten Laien. Und was meine eigene Leseliste angeht: Zum zweiten Mal in kurzer Zeit hatte ich jetzt eine Übersetzung von Sebastian Vogel auf dem Tisch (meine Besprechung seiner Übertragung von Daniel Dennetts Darwin’s Dangerous Idea gab es in einem früheren Blog, die ist leider nicht mehr online), und wenn ich mich durch sein Werkverzeichnis und das seiner Kollegin Martina Wiese schmökere, mache ich offensichtlich fast :) nichts falsch …