Sondern für die Schule

Seneca wusste es damals schon: Non vitae, sed scholae discimus, wir lernen nicht fürs Leben, sondern für die Schule. Während der lateinische Spruch zumeist in sein idealistisch-programmatisches Gegenteil verkehrt die Jahrhunderte überdauerte, ist die Originalfassung in Zeiten von G8 [1] aktueller denn je. Sicherlich wäre es möglich gewesen, Inhalte sinnvoll zu straffen und zu entschlacken, um in begrenzter Zeit relevantes Wissen zu vermitteln; in der gymnasialen Realität 2014, wie sie sich einem Vater zweier Mittelstufenschüler präsentiert, sehen die Lehrpläne eher aus, als sei da jemand mit der Kettensäge Amok gelaufen.

Beispiel Naturwissenschaften: Weil nicht mehr genug Zeit für durchgängig Physik, Chemie und Biologie ist, hat man alles nur noch halbjahresweise. Dann vergisst man den Stoff für ein Jahr oder anderthalb, und danach geht es weiter. Dass die Naturwissenschaften zahlreiche Berührungspunkte untereinander und auch mit der Mathematik haben, böte wunderbare Möglichkeiten für kontinuierlichen Unterricht, der frühzeitig inspirierende Zusammenhänge erläutern könnte. Stattdessen: jedes Fach eine Insel, Fährverbindungen Fehlanzeige.

Von Zusammenhängen wimmelt es auch in Geschichte und den verwandten Disziplinen. Wo, wenn nicht hier, ließe sich nachhaltig vom & fürs Leben lernen? Doch auch hier hetzt man im Schweinsgalopp durch die Epochen, statt gelegentlich einen Schritt zurückzutreten und Blicke aufs Ganze zu riskieren. Da wird das gesamte 19. und 20. Jahrhundert bröckchenweise in Einzelreferate aufgeteilt, ein Schüler schreibt den Wikipedia-Eintrag zum Kolonialismus ab, der nächste den zum Imperialismus, der dritte recherchiert das Schlagwort „Sarajewo“, und am Ende hat keiner begriffen, wie das eine mit dem anderen verwoben ist oder was all das mit der Gegenwart zu tun haben könnte. Derweil gilt die Existenz einer Mineralwassermarke namens Bismarck als hinreichender Beleg für einen bis heute andauernden Reichskanzler-Kult; Fragen nach ganz anderen Kulten drängen sich auf …

Am schlimmsten finde ich allerdings, was ich derzeit aus dem Deutschunterricht mitbekomme (und was dort ausdrücklich nicht den engagierten Lehrerinnen angelastet sei): Unsere Siebt- und Neuntklässler mussten gerade beide Satzglieder pauken bis zum Umfallen, um Modal-, Kausal-, Konsekutiv- und Konzessivsätze auseinanderhalten zu können. Wozu das denn bitte, und gleich zwei Mal? Seit nunmehr fast 20 Jahren ernähre ich mich davon, etwas von Sprache zu verstehen, und das eine ist mir dabei immer deutlicher geworden: Grammatik braucht kein Mensch. Gebt Kindern und Jugendlichen Bücher, und gebt ihnen genug Zeit, sie zu lesen – das ist neben dem Sprechen die entscheidende Basis für die Fähigkeit, sich klar und fehlerarm sprachlich artikulieren zu können. Aber bitte raubt ihnen nicht ihre ohnehin knapp bemessene Zeit mit dem stumpfen Auswendiglernen bedeutungsloser Vokabeln wie Relativpronomen und adverbiale Bestimmung!

[1] Auch ein Ärgernis: Die nominell um ein Jahr verkürzte Gymnasialzeit ist dank dünnster Personaldecken und entsprechend häufiger Ausfälle, wo wir noch Vertretungsstunden kannten, effektiv eher G6komma5.

Gelesen: Richard Dawkins, „Die Schöpfungslüge“

Dass The Greatest Show On Earth in der deutschen Fassung so einen krawalligen Titel bekommen hat, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass man im deutschen Sprachraum nicht auf die Zugkraft des Autors allein vertraute, sondern gern an den Erfolg des unmittelbaren Vorgängers „Der Gotteswahn“ anknüpfen wollte. Das ist allerdings ein bisschen unfair, denn anders als The God Delusion ist „Die Schöpfungslüge“ keine mit allzu viel Schaum vor dem Mund verfasste Streitschrift, sondern ein wunderbar schlüssig argumentiertes Sachbuch, bestens geeignet, verbreitete Missverständnisse im Zusammenhang mit der Evolution aus der Welt zu schaffen. Nur wenn gelegentlich die Rede auf den Kreationismus kommt, meint man dem Text gewisse Blutdruckschwankungen seines Verfassers anmerken zu können, aber schwerpunktmäßig geht es um spannende naturwissenschaftliche Fakten, und die werden ebenso kenntnisreich wie eloquent präsentiert – und sie sind, was bei mir ja immer Bonuspunkte gibt, auch ziemlich sorgfältig redigiert worden.

Für mein Empfinden jedenfalls gehört „Die Schöpfungslüge“ neben Ernst Mayrs „Das ist Evolution“ und so ziemlich allem von Edward O. Wilson auf die Leseliste jedes einschlägig interessierten Laien. Und was meine eigene Leseliste angeht: Zum zweiten Mal in kurzer Zeit hatte ich jetzt eine Übersetzung von Sebastian Vogel auf dem Tisch (meine Besprechung seiner Übertragung von Daniel Dennetts Darwin’s Dangerous Idea gab es in einem früheren Blog, die ist leider nicht mehr online), und wenn ich mich durch sein Werkverzeichnis und das seiner Kollegin Martina Wiese schmökere, mache ich offensichtlich fast :) nichts falsch …

Doch so wenig?

Auf den Meter würde ich mich nicht festlegen mögen, aber ich bin sicher, dass der Wert für den Erdumfang, den ich in der Schule gelernt habe, ziemlich groß war. Doch dieser Wegweiser bei Sudermühlen in der Lüneburger Heide erlaubt keinen Zweifel – einmal ganz rum macht auf dem kürzesten Weg genau 13,5 Kilometer:
In beide Richtungen zum selben Ziel

St. Florian, übernehmen Sie!

Im Dorf, in dem ich lebe, soll sich ein Schweinemastbetrieb ansiedeln. Dagegen regt sich seit geraumer Zeit Widerstand, und die örtliche CDU (die sich pro bäuerliche Landwirtschaft, aber contra Masttierhaltung positioniert) schließt aus den Ergebnissen einer Unterschriftenaktion, dass über 80 Prozent der Bevölkerung die Schweinemast ablehnen. Wenn dem so ist: Darf daraus wiederum geschlossen werden, dass über 80 Prozent der Bevölkerung sich vegetarisch ernähren oder zumindest Schnitzel und Würstchen grundsätzlich nicht im Supermarkt, sondern im Hofladen des Biobauern erwerben?