Gelesen: David Quammen, „Spillover“

Zahlreiche Seuchen, die in den letzten Jahren weltweit für Schlagzeilen sorgten, sind Zoonosen – Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übergesprungen sind. Doch wie und unter welchen Bedingungen kommt es dazu? Und welche Faktoren müssen ineinandergreifen, damit ein Erreger mit zuvor räumlich eng begrenztem Wirkungsbereich sich zur Pandemie entwickeln kann? – Thriller zu diesem Themenkomplex gibt es einige, allerdings spielen sie meist auf der Klaviatur der Angst, sind reißerisch und effektheischend. Nicht so „Spillover“. Das ist zwar auch irrsinnig spannend, gleichzeitig aber ausgesprochen informativ und geeignet, Ängste und Vorurteile abzubauen – denn formal ist es kein Sci-Fi-Horror-Roman, sondern eine Wissenschaftsreportage.

Ein typischer Quammen eben – ihn schätze ich seit „Song of the Dodo“, einem faszinierenden Schmöker über Biogeografie, dafür, dass er auch komplexe wissenschaftliche Sachverhalte ebenso sprachgewandt wie verständlich darstellen kann. Ob „Monster of God“ über den Mythos Menschen fressender Raubtiere oder seine zahlreichen Artikel im National Geographic Magazine – man wird stets bestens unterhalten und hat hinterher eine Menge gelernt.

Dieses Mal habe ich ihn erstmals nicht im Original gelesen und war anfänglich ein bisschen skeptisch, aber die Übersetzung von Sebastian Vogel liest sich durchweg angenehm, mein nicht deaktivierbares Erbsenzähler-Modul hatte fast nichts auszusetzen :-)

Postscriptum: Kaum 12 Stunden nach dem Abfassen dieses Artikels höre ich in der Tagesschau vom erstmaligen Auftreten des Ebola-Virus in Westafrika – erschreckende Aktualität …

Messe unter Strom

Wozu diese E-Books überhaupt gut sind, das habe ich auch hier nicht herausfinden können … Aber davon abgesehen war Deutschlands, wenn nicht Europas* erste Messe für elektrische Bücher am vergangenen Samstag in Berlin eine spannende, informative Sache.

Die Sinnfrage stellte sich ansatzweise übrigens gleich zu Beginn, während eines Tischgesprächs über die diversen (epub-)Formate. Was ich dabei aufgeschnappt habe: Containerformate, in Abgrenzung zu browserlesbaren Produkten, braucht man eigentlich nur, so lange man noch nicht überall Internet-Zugang hat (Stichwort: Warten auf Googles WLAN-Drohnen …) und weil man den Verlagen gern eine einzeln verkaufbare Verpackungseinheit an die Hand geben möchte. Das hätte ich ja gern noch ein bisschen weitergedacht, aber da war dieser Programmpunkt im extrem straffen Zeitplan schon zu Ende, Schnitt, Themenwechsel.

Diese Atemlosigkeit zog sich denn auch durch – dass das extrem ambitionierte Programm kaum Zeit zum Luftholen oder Nachfassen ließ, war das Einzige, was mich an der Veranstaltung störte. (In den Notizen der offiziellen Messebeobachterin Kathrin Passig lassen sich auch ein paar andere unrunde Kleinigkeiten nachlesen, aber die machten für mich eher einen Teil des Charmes aus.) Insbesondere für einen Erstling lief die Sache jedenfalls bemerkenswert glatt.

Letztlich habe ich doch lieber ein paar interessante Programmpunkte zugunsten individueller Gespräche sausen lassen, denn vor allem dafür war ich nach Berlin gefahren. Und dabei hat sich im Wesentlichen mein Eindruck aus den bisherigen Projekten verstärkt, dass die Produktion eines E-Books in einer möglichst frühen Phase von der Gestaltung des gedruckten Buchs abgekoppelt werden sollte. Denn ganz offensichtlich ist es heute noch nicht möglich, den Text aus einem druckreifen, womöglich komplex layouteten PDF so zu extrahieren, dass er sich ohne umfangreiche manuelle Nachbearbeitung für alle relevanten Lesegeräte am Markt aufbereiten lässt. (Wenn man ausschließlich Enhanced-Gedöns für Retina-iPads produziert, ist alles total easy, hab ich mir am Samstag sagen lassen. Aber will man das?) Weshalb meine Idealvorstellung für zweigleisige Produktion zukünftig ist, das Korrektorat möglichst vollständig im Rohtext durchzuführen und erst den fertigen Text in zwei separate Workflows zu überführen. Noch zu prüfen bleibt, inwieweit es für meine Zwecke sogar sinnvoll ist, LaTeX als Zwischenstufe zu integrieren und von dort (statt wie meist von .doc aus) in die beiden Produktionsstränge zu splitten. – Ist natürlich auch immer eine Kostenfrage: Wenn der On-Demand-Anbieter die Konvertierung ohne Aufpreis anbietet, dann muss der Kunde erst mal die Notwendigkeit sehen, zur Vermeidung bestimmter Probleme etliche Euro extra auszugeben …

Ein Gedanke noch: Auf einem ebenfalls viel zu kurzen Panel zum Thema Big Data sprach René Kohl das gerade neu vorgestellte Amazon-Smartphone an. Das ist ein Gerät, das, wenn ich es auch zum Konsum von E-Books nutze, in der Lage ist, meine Mediennutzung und meine Kommunikation miteinander ins Verhältnis zu setzen: Es registriert, mit wem ich telefoniere oder chatte, nachdem ich ein bestimmtes Buch gelesen habe, und versucht daraus Schlüsse zu ziehen. Das ist doch pervers?! Ich war ja bislang der Ansicht, dass angesichts von Tablets weltweit vielleicht 150 Leute blöde E-Ink-Lesegeräte wirklich brauchen – wann ist man schon mal wochenlang abseits jeglicher Steckdose? Aber wenn man denn tatsächlich der Meinung ist, seine Bücher an einem Bildschirm lesen zu müssen statt auf Papier, dann ist es wohl keine schlechte Idee, das zumindest mit einem Gerät zu machen, das nicht auch noch Zugriff auf meine Mails und mein Telefonbuch hat …

* da waren sich die Organisatoren selbst nicht sicher

Wie zu erwarten war

Die Konsultation zum Jugendmedienschutz, von der ich euch vor einiger Zeit berichtet habe, hat ihre Kommentar-Pforten geschlossen, aktuell bedankt man sich für die engagierte Beteiligung und verweist vorläufig auf die Auswertung der ersten Beteiligungsphase (PDF). Aus diesem Dokument geht, soweit ich den entfernt sprachähnlichen Buchstabensalat entwirrt bekomme, im Wesentlichen hervor: An dem Dogma, Jugendschutz im Internet sei primär durch Filterprogramme zu gewährleisten, soll auf keinen Fall gerüttelt werden, es bleibt vielmehr nur noch zu diskutieren, welcher Zensurtechnik-Anbieter welchen Anteil aus den Fördertöpfen bekommt.

Dass während der Konsultation eine Vielzahl teils sehr fundierter Einwände gegen technische Lösungssimulationen der Problematik erhoben wurde, wird in der Auswertung in einem Halbsatz erwähnt und inhaltlich vollkommen ignoriert. Daher mein Verbesserungsvorschlag für die zweite Phase der Konsultation: das Eingabefeld für Benutzerkommentare zur optimalen Verständlichkeit mit einem Papierkorb-Symbol versehen …

Die letzte Bastion der Vernunft

Einmal mehr haben wir dem BundesverfassungsgerichtBundesgerichtshof (danke fürs Aufpassen, Gero) zu danken: Kein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms. Wäre auch übel gewesen, wenn sich gewisse krankhaft menschenfeindliche Tendenzen in der Versicherungswirtschaft, die uns – vorgeblich unserer Gesundheit zuliebe – per Blackbox im Auto und Fitness-App auf dem Smartphone am liebsten die Totalüberwachung in jeder Lebenslage bescheren würden, nun auch in dieser Hinsicht durchgesetzt hätten …

Man beachte übrigens auch den letzten Satz der BGH-Mitteilung: „Inwieweit in Fällen sportlicher Betätigung des Radfahrers das Nichttragen eines Schutzhelms ein Mitverschulden begründen kann, war nicht zu entscheiden.“ Das Urteil bezieht sich also ausdrücklich aufs Alltagsradeln, nicht hingegen auf Sport und Extremeres. Seh ich ja auch so.

Auch im Umkehrschluss übrigens – weshalb man mich, seit mein Lütter Spaß am Mountainbiking hat und wir zusammen auf holprigen Singletrails Dinge tun, die ich mir solo-tourend normalerweise verkneifen würde, auch gelegentlich wieder helmtragend antreffen kann (und sei es nur als Kratz-Schutz vor tiefhängenden Ästen), während die Schüssel im Stadt- und Alltagsverkehr weiterhin daheim bleibt.

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Folgenreiches, folgenloses Jahr

[Hier hätte laut meiner gestrigen Planung etwas zum ersten Jahrestag der Snowden-Leaks stehen sollen. Aber das wäre auch nur die Langfassung dessen geworden, was ich heute früh, leicht desillusioniert, hier bei ben_ druntergeschrieben habe.]

Der Vollständigkeit halber: Von den aktuell 89 Keys in meinem GPG-Schlüsselbund sind nur zwei oder drei im Lauf der zurückliegenden 365 Tage hinzugekommen. Spricht aus meiner Sicht nicht für ein signifikant gesteigertes Bewusstsein für die Problematik nicht oder nur unzureichend verschlüsselter elektronischer Kommunikation …

Millimeterarbeit

SD-Karte

Dies ist der Schreibschutz-Schieber einer SD-Speicherkarte, auf die neutrale Mittelposition geschoben und mit sehr viel Fingerspitzengefühl nur ein winziges Fitzelchen näher an “beschreibbar” geschubst. In dieser – und nur in dieser – Position ist sie für ein MacBook als beschreibbar gekennzeichnet; einmal zu scharf hingeschaut beim Einschieben in den Kartenleser, und der Schreibschutz greift wieder erbarmungslos zu.

Dass Macs eine SD-Karte in der normalen Unlock-Position nicht beschreiben können, ist, wie es scheint, ein schon länger bekanntes Phänomen. Es ist mir noch nicht früher aufgefallen, weil ich solche Karten lange nur lesend verwendet habe, also um Fotos aus der Kamera auf den Rechner zu überspielen. Aber seit Betriebssystem-Version 10.8 gibt es leider keine Treiber* mehr für meinen nun schon ziemlich betagten Fotodrucker**, so dass ich bearbeitete Fotos nicht mehr vom Rechner aus, sondern nur noch via Speicherkarteneinschub des Druckers ausgeben kann. Und bis ich heute diesen Schieber-Hinweis bei Mario Hoffmann gefunden habe, musste es immer der Umweg vom Mac via USB-Stick über den Linux-Rechner mit Kartenleser auf die SD-Karte sein***.

Da hat man einen im Prinzip voll funktionsfähigen Drucker und ein Foto, das genau auf diesen Drucker hin optimiert ist, und dann muss man erst mal stundenlang recherchieren, bevor man es ausdrucken kann – ich bin wieder mal hin- und hergerissen zwischen „Ist das nicht toll, dass man für praktisch jedes technische Problem im Internet eine Lösung finden kann?“ und „Na und? Die meisten dieser Probleme hätten wir ohne Computer und Internet gar nicht“ …

* Es gibt im Netz zwar Anleitungen, wie man die Treibersoftware ähnlicher Drucker mittels Hex-Editor für 10.8 kompatibel hackt, aber für mein Modell war leider nichts auffindbar.

** Das ist so ein Postkarten-Thermosublimationsdrucker, frühe Selphy-Baureihe. Fine-Art Printing geht definitiv anders (wenngleich die Ergebnisse bei Verwendung geeigneter Profile durchaus passabel sind), aber das Kistchen kann man ohne weiteres auch mal ein halbes Jahr im Schrank vergessen, und wenn man es dann rausholt, druckt es ohne Zicken wie am ersten Tag. Man versuche das mal mit einem Tintenspritzer …

*** Das aber hatte seine eigenen absurden Momente – es durften nur bestimmte USB-Sticks sein, mit denen ich die Daten vom Mac zu Linux transferiert habe. Die neueren mit viel Kapazität lassen sich nämlich nicht mehr so formatieren, dass man sie zuverlässig an beiden Computern verwenden kann, in meinen (unsystematischen) Tests waren 8 Gigabyte die nutzbare Grenze. Größere Sticks waren immer nur an einem der Rechner zu gebrauchen, egal mit welchem Dateisystem ich sie formatiert hatte.

Lektüre-Notizen

In den zurückliegenden paar Wochen habe ich außerdem noch ein bisschen was anderes gelesen:

Michael Herrmann, „Die Ferien des Dr. Tulp“
Ausdrücklich als Reaktion auf meinen Lyrik-Artikel flatterte mir Dr. Tulp ins Haus – ein herzlicher Dank an die Gestalter des originell-ist-noch-untertrieben-en Bändchens!
Im Begleitschreiben hieß es, man sei gespannt, wie es bei mir ab- bzw. aufschneidet. Letzteres habe ich mich aber noch nicht zu tun getraut, denn dann ist der Charme ja weg. Es handelt sich hier nämlich um hermetische Lyrik weniger im semantischen als vielmehr im buchbinderischen Sinne – einfach mal durchblättern, wenn ihr irgendwo ein Exemplar findet, ihr versteht dann schon, was ich meine … Was sich unter erschwerten Bedingungen erfassen lässt, ist allerdings auch auf der Textebene durchaus nicht unmittelbar zugänglich, oder zumindest gelang es mir als lyrischem Laien nicht, den roten Faden zu lokalisieren, den die äußere Form mich erwarten ließ. Nun gut, der Subtitel verheißt schließlich Bruchstücke, und davon sind ein paar wirklich schöne dabei. Definitiv ein sehr anregendes Buch, auch wenn es sich gegen seine Nutzung ein bisschen sperrt.

Michael Bittner, „Wir trainieren für den Kapitalismus“
Direkt nach einer Autorenlesung auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig gekauft. Der Einband gefällt mir für ein Softcover ausnehmend gut – drucktechnisch schön gemacht mit den Schleimspuren. Allerdings beziehen die hier versammelten teils lebensnahen, teils over-the-top-absurden Kolumnen ihren Reiz zu nicht unerheblichem Teil aus den Vorleser-Qualitäten des Autors; wenn man sie nur selbst liest, sind sie mehrheitlich nicht ganz so unterhaltsam.

Jeffrey Archer, „Berg der Legenden“
Deutsch von Maria Poets. Diese Story ist in ihren Grundzügen jedem, der sich für Alpinismus interessiert, bereits vertraut – es ist die Geschichte von George Mallory, der 1924 beim Versuch, den Mount Everest zu besteigen, ums Leben kam. Weil ich also das Ende ohnehin kannte, habe ich die letzten 30 oder 40 Seiten zuerst gelesen und fand sie recht berührend geschrieben. Danach habe ich vorn angefangen, bin aber ziemlich schnell dazu übergegangen, nur noch diejenigen Passagen zu lesen, in denen es um gesicherte Fakten geht – ich glaube, ich bin einfach nicht die Zielgruppe für belletristische Biografien, bei denen ich nicht erkennen kann, was historisch authentisch ist und was der Fantasie des Autors entspringt.

National Geographic Magazine, May 2014
Dieses Heft ist ja jeden Monat aufs Neue lesenswert, aber im Mai war dann noch ein bisschen was besonders: Das enthielt den Auftakt-Artikel zu einer Serie zum Thema „Feed the World“ – wie ernährt man eine Weltbevölkerung, die in den nächsten paar Jahrzehnten nochmals um die eine oder andere Milliarde Menschen zunimmt? Das Sujet wird uns wohl übers ganze Jahr begleiten, und auch für Nichtabonnenten zugänglich ist die supplementäre Website natgeofood.com, auf der sich massig zusätzliche Informationen und lesenswerte Reportagen finden.

Oh, es ist noch ein bisschen Platz auf der Seite! Dann ergänze ich sie mal eben, auch wenn es eigentlich nicht zum Thema passt, durch mein Flausch-du-jour-Foto. Die Kohlmeisenbabys haben sich nämlich heute auch erstmals dem Tageslicht ausgesetzt:

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Fragen

Gestern fragte Felix Schwenzel ins Internet, warum eigentlich so viele Leute über Kommunikationstechnik, aber so wenige über Küchenutensilien schreiben, und nannte als mögliche Antwort die langen Innovationszyklen im zweiten Bereich. Ob die Beobachtung zutrifft, kann ich zwar nicht beurteilen – ich suche weder zu Küchen- noch zu TK-Technik häufig nach Informationen (im einen Fall mangels Notwendigkeit, im anderen mangels Interesse), aber wenn doch, dann finde ich zu beidem mehr, als ich jemals lesen möchte. Allerdings hat der als werblich gekennzeichnete Text mich als Freund der gepflegten Küchenmetapher tüchtig ins Grübeln gebracht:

Der erste Herd, an den ich mich erinnern kann, hatte noch keine eingebaute Zeitschaltuhr, und der Kühlschrank damals war bestimmt noch nicht FCKW-frei. Aber im Prinzip hat beides in meiner Kindheit genauso funktioniert wie heute. Die Bauteile unserer Küchenmaschine lassen sich wie selbstverständlich – und ohne vorheriges Firmware-Update – auch an 50 Jahre alten Exemplaren dieses Typs betreiben. Und die Mühle, in die ich allmorgendlich die Kaffeebohnen fülle, habe ich weitestgehend baugleich auch schon in einem Freilichtmuseum über bäuerliches Leben im 19. Jahrhundert gesehen. Gut, die Mikrowelle kann als Innovation durchgehen; aber von deren Relevanz fürs Kochen legt bei uns ihr Stammplatz im Keller beredt Zeugnis ab …

Seit Generationen bewährte Technik, aufs Wesentliche reduziert und geradlinig in der Bedienung – Werkzeuge, die der Befriedigung elementarer Bedürfnisse dienen, sollten immer so sein. (Und dann gibt es außer Manufactum-Poesie wenig darüber zu schreiben – auch das mag ein Grund für die eingangs erwähnte Beobachtung sein.)

Wenn wir nun auch das Internet als existenziell notwendig betrachten wollen – wovon ich noch nicht überzeugt bin, aber mit dieser Skepsis vertrete ich vermutlich eine Minderheitenmeinung –, dann müssen wir konstatieren, dass die Werkzeuge zu seiner Nutzung von diesem Anspruch kaum weiter entfernt sein könnten. Dass die Dinge genauso funktionieren wie schon damals bei Oma, kann man hier naturgemäß nicht erwarten; aber davon abgesehen frage ich mich, ob bei vernetzten Geräten eine Reduktion aufs Wesentliche überhaupt möglich ist, ohne die Nutzer zu entmündigen.

Aktuelle PC- und Mobilbetriebssysteme sind vordergründig ja schon sehr reduziert: Noch das Zeitaufwendigste bei der Inbetriebnahme ist das erstmalige Laden des Akkus. Web-Zugang, E-Mail-Postfach und vollständig synchronisiertes Adressbuch sind in kürzester Zeit verfügbar, ohne dass man auch nur einen Gedanken an all die Standards, Protokolle und Zertifikate zu verwenden hätte, die im Hintergrund zu berücksichtigen sind. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass die Daten, mit denen ich hier hantiere, nicht mehr meiner Kontrolle unterliegen: Damit all die Vernetzung reibungslos klappt, muss ich die Hoheit über meine Informationen aufgeben; es entzieht sich zwangsläufig meiner Kenntnis, wer wann auf welche Inhalte zugreift, ich weiß nur: Im Prinzip kommt fast jeder dran, der gern möchte.

Sobald ich versuche, auf einem modernen, vernetzten Gerät Dinge privat zu halten, wird es kompliziert – wer mal GPG installiert oder versucht hat, ein Smartphone-Telefonbuch ohne Cloud-Dienste zu aktualisieren, weiß, was ich meine. Mehr noch: Ich muss mich möglichst permanent darum bemühen, meine technischen Kenntnisse auf der Höhe der Zeit zu halten, weil viele der Standards, Protokolle und Zertifikate fast ebenso atemlose Innovationszyklen haben wie die Geräte, auf denen sie implementiert sind.

Ist es vorstellbar, dass das mittelfristig anders wird? Ist es bei einem so hochkomplexen System wie dem Internet überhaupt möglich, niedrigschwelligen Zugang und Nutzer-Autonomie zu kombinieren? Und falls nicht: Sollten wir es dann nicht tunlichst vermeiden, einem System, das sich selbst unserem Einfluss weitestgehend entzieht, signifikante und immer noch umfassendere Bedeutung in unserem Alltag einzuräumen?

Gelesen: Steven Uhly, „Glückskind“

Aber vielleicht ist es auch eher so, dass sie unterschiedliche Formen gefunden haben, demselben Gott zu dienen. Und welcher Gott wäre das, denkt Hans. Er müsste ja sterblich sein, um so viel zu verstehen von uns Menschen.

Es sind wirklich unkonventionelle Gottes-Dienste, um die es in diesem wunderschönen Roman geht. Sie werden nicht in Kirchen und Tempeln zelebriert, sondern in einer Wohnung im fünften Stock, die zu Beginn wie eine Müllhalde aussieht, im Hinterzimmer eines Lotto-Toto-Ladens und im Besuchsraum einer Justizvollzugsanstalt.

Am Ende der Geschichte werden Menschen aus den unterschiedlichsten Notlagen gerettet worden sein, auch solche, die zu Beginn noch gar nicht wussten, dass sie in Not sind. Und davon zu lesen war eine besondere Freude, denn Steven Uhly ist ein hoch begabter Erzähler. In schlichter, feiner Prosa, ohne ein einziges überflüssiges Wort entwickelt sich die Handlung geradlinig im Präsens, vereinzelt schlagen raffiniert eingestreute Absätze im Perfekt oder Futur elegante Volten. Bewunderungswürdig auch, wie kurz vor der Klimax noch einmal das Tempo gedrosselt wird, indem ausgerechnet eine kurze Phase schneller Fortbewegung über mehrere Seiten hinweg beschrieben ist, und wie sich der allwissende Beobachter einige wenige Male zurücknimmt, um einzelne Handlungsmotive im Ungewissen zu lassen. Dem Epilog schließlich gelingt es, auf kleinstem Raum alle Stränge nochmals aufzunehmen und, nein, nicht zu einem Ende, aber doch solcherart zusammenzuführen, dass ich das Buch tief in der Nacht mit einem rundum warmen Gefühl beiseite gelegt habe.

Ebenso begeisternd wie der Inhalt ist auch die Form: Erschienen ist „Glückskind“ im Zürcher Secession Verlag, der eine Reihe außergewöhnlich schöner Bücher im Programm hat. Feine Typografie, edles Papier, sorgfältige Herstellung – an diesem Band stimmt einfach alles. Nicht zuletzt die Präzision des Korrektorats: Patrick Schär hat hier Beeindruckendes geleistet; ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einen Roman dieses Umfangs gelesen habe, ohne über zumindest einen Vertipper gestolpert zu sein*.

Eine anrührende Geschichte, mit höchster handwerklicher Kunstfertigkeit erzählt: „Glückskind“ war ein echter Glücksgriff.

* Tatsächlich glaubte ich zwischendurch, einen Kommafehler erspäht zu haben, aber als ich hinterher das reformierte Regelwerk konsultierte, sah ich: Einen erweiterten Infinitiv durch Komma abzutrennen[,] ist neuerdings sogar dann erlaubt, wenn die gesamte Infinitiv-Gruppe das Subjekt des Satzes bildet. Eine dieser ärgerlichen Fehlentscheidungen der Rechtschreibreform: Es gibt keine rationale Rechtfertigung für einen Satz der Form Subjekt-Komma-Prädikat-Objekt, aber weil es früher fast alle falsch gemacht haben, ist jetzt das Falsche richtig.